Leuchtspuren mit tieferer Schönheit

Nachtkritik zum Konzert von Lakecia Benjamin & Soul Squad:

Mit Funky-Volldampf geht es los – und dann passiert im Laufe von energiegeladenen anderthalb Stunden in der Burghauser Wackerhalle ganz viel Überraschendes. Eine fünfköpfige Band, die mit Rhythmen wie aus einer imaginären Groove-Maschine loslegt: eine hochgewachsene Saxophonistin im weißen Anzug, die helle, grelle, scharfkantige Altsaxophonlinien spielt; eine Sängerin, ganz in Schwarz gekleidet, die sich von der stimmgewaltigen Anheizerin der ersten Konzertminuten später in einen faszinierenden Bühnengegenpart der Bandleaderin wandeln wird; ein Keyboarder in einer bizarren, weiß-schwarzen Glitzerjacke, der gern auch mal ein Solo unter den Keyboards liegend spielt, den Kopf auf den Klavierschemel gelegt und die Hände nach oben gestreckt, um wild über die Tasten zu wirbeln; ein cooler Bassist mit noch cooleren Minimal-Bewegungen – und ein Schlagzeuger voller Sicherheit, der, wie die Bandleaderin lässig sagt, „diese ganze Operation zusammenhält“. Diese „Operation“ von einer Band, die sich Truppe, Kader (squad) nennt, war eine der gerade nicht militanten Art – und endete in einem gemeinsamen Tanz mit Leuten aus dem Publikum, die sich Lakecia Benjamin auf die Bühne holte.

Saxophonistin Lakecia Benjamin

Saxophonistin Lakecia Benjamin

Wir spielen auf der ganzen Welt für alle Arten von Leuten – und ich habe gehört, dass dieser Ort der beste in Deutschland ist.“ Augenzwinkern, Ironie, aber fern von Showprofi-Phrasen – und dann Musik, die, als Partysound getarnt, ein starkes Statement abgab. Dieses Statement benannte die Dame mit den Ohrringen in Form von Violinschlüsseln dann auch: „Musik verbindet uns.“ Und das war dann das ganze Konzert über zu spüren. Kompakte, groovende Funky-Rhythmen: Das war das eine. Und das andere: viel Blues-Feeling und sogar Gospelschmelz. Sängerin Nicola Phifer ließ in einer Ballade die Töne zu so viel seelenvoller Zartheit zerrinnen, dass man fast alle ihre Kollegen auf der Bühne vergaß, und im Duett mit Lakecia Benjamins Altsaxophon umrankten sich die Töne so stimmig und geschmeidig wie Liebende im Glückstaumel. Innig schöne, aber auch spektakuläre Momente hatte dieses Konzert, nicht nur bei artistischen Keyboardsolos und bei Saxophon-Parts, zu denen die Bandleaderin die Beine nach rechts und links schmiss oder bei einer Huldigung an Lakecias Vorbild Maceo Parker in davongaloppierendem Tempo mit elektronisch verfremdetem Sax. Auch ein langsames, ruhig über eine lange Strecke entwickeltes Saxophonsolo spielte Lakecia Benjamin einmal, und da zeigte sie ihre ganze Kunst teasenden Spannungsaufbaus und nuancenreichen Gefühlsausdrucks. Leuchtspuren mit tieferer Schönheit.

Diese profilstarke Musik machte von Song zu Song mehr Spaß. Seelenvolle Spiellust, verschränkt mit einer Botschaft, die man Song für Song auch politisch verstehen konnte. Eric Claptons „Change the world“ passte gut in den Gesamtgestus des Konzerts. Und dass zum Schlusstanz mit Burghauser Besuchern ausgerechnet Latin-Rhythmen erklangen, war sicher auch nicht bloß ein Zufall. US-Amerikaner, die die Welt umarmen und zu Latin-Sounds mit Europäern tanzen – das tut mal richtig gut in diesen Zeiten.

 

Große Symphonie des aktuellen Jazz

Nachtkritik zum Konzert von Antonio Sanchez & Migration

Man hört und staunt und fragt sich, wann man zuletzt ein so starkes Jazzkonzert erlebt hat. Musik mit ganz langem Atem, immenser Kraft und einem außergewöhnlichen Gefühl für Form: Das spielte die fünfköpfige Band des Schlagzeugers Antonio Sanchez am späten Donnerstagabend. Er nannte es eine Suite – Titel: „Meridian Suite“ -, aber es hatte die Dimension einer großen Symphonie, sowohl von der Dauer her, als auch von der musikalischen Substanz. Das bisherige künstlerische Highlight dieser 48. Internationalen Jazzwoche Burghausen – und womöglich eines, das gar nicht mehr zu überbieten ist.

Antonio Sanchez & Migration nennt sich diese sensationell besetzte Band. Eine Ansammlung so hochkarätiger Solisten ist auch bei Weltklasse-Bandleadern nur selten. Saxophonist Chase Baird, Tenorsaxophon und Electric Wind Instrument; Pianist John Escreet, Flügel und Fender Rhodes; Sängerin Thana Alexa, die ihre Stimme meist instrumental einsetzt, aber zwischendurch auch Texte singt; Bassist Orlando le Fleming, Kontrabass und E-Bass – und schließlich Antonio Sanchez, Schlagzeug. Sanchez spielt sein Instrument mit einer Power und Präzision, für die es, wenn überhaupt, nur ganz wenige Vergleiche gibt. Aber seine musikalischen Partner sind an diesem Abend ebenfalls auf einem Traum-Niveau.

Die große Kunst in diesem Konzert war es, diese Kräfte in einer Komposition so zu bündeln, dass an keiner Stelle auch nur die geringste Versuchung entstand, mit ihnen zu protzen. Ganz im Gegenteil: Alles stand hier im Dienst einer fünfteiligen Komposition mit komplexen, kunstvoll ineinander greifenden Themen und einer faszinierend geschlossenen Form. Da hatte jeder Takt existentiellen Drang und packenden Gehalt. Schon in den ersten Minuten war eine völlig unalltägliche Dichte des Zusammenspiels zu spüren, und die steigerte sich dann Stück für Stück auch noch. Momente zum Atem-Anhalten: wenn ein Klaviersolo des schier magnetische Kräfte entfesselnden John Escreet so mit dem Schlagzeugspiel Antonio Sanchez‘ verzahnt wird, dass die dabei entstehende Spannung fast nicht mehr auszuhalten ist; wenn Chase Baird ein unbegleitetes Solo auf dem Tenorsaxophon spielt und die elektrisierende Energie des gesamten Bandsounds dabei noch spürbar scheint, auch wenn die anderen gerade schweigen; wenn Thana Alexa zum ersten Mal in diesem Programm ein Stück mit Text singt („Flying high …“ beginnt es) und die zugleich erdigen und samtweichen Töne eine verblüffende Innigkeit und Sinnlichkeit entfalten: Gesang, entrückt schön und dabei von hautnaher Wärme.

Antonio Sanchez hatte das Publikum gut vorbereitet in einer kurzen Ansprache, in der er auf die Ausmaße des Stücks hinwies. Er habe schon immer mal eine „musical novel“ schreiben wollen sagt er, einen Roman aus Tönen. Mit seiner Band erreichte er in diesem Konzert eine erzählerische Intensität von Ausnahme-Qualität; dieser musikalische Roman riss mit, packte durch subtil gebaute Sätze mit ganz starken Verben und immer passenden Substantiven, die die Lust am Weiterblättern, Weiterhören, Weiter-in-sich-Aufsaugen immer mehr steigerten – und nichts darin wirkte abgehoben oder akademisch. Ein großes Erlebnis für die Sinne. Ein enormes Werk eines in Mexico-City geborenen US-Amerikaners, das zeigt, wie stark Kultur aus den USA sein kann, wenn es keine Mauer nach Lateinamerika und zu anderen Ländern hin gibt. So schön, so gewaltig, so mitreißend – und so aktuell kann Jazz sein.

 

Eine Bar in Burghausen

Nachtkritik zum Konzert von China Moses

Sie ist betrunken, sie ist wütend, sie ist groovy, sie ist charmant und witzig, und sie ist einsam, zumindest kurz. Dann kommt er, dieser süße Typ und spricht sie an. Dabei will sie doch nur Whisky trinken. Fortsetzung folgt…

Sie ist eine Geschichtenerzählerin, heißt China Moses und begeistert die Wackerhalle mit ihrem Zauber und ihrer Musik.

„Nightintales“ heißt das aktuelle Programm und die, in diesen Tagen erscheinende neue CD, der amerikanischen Sängerin, die lang schon Paris als Heimat hat. Liest man ihren Namen, liest man immer auch den ihrer Mutter. Die heißt Dee Dee Bridgewater und ist eine Jazzlegende. Nicht unbedingt einfach, in die Highheel-Stapfen der Übermutter zu steigen und auch Sängerin zu werden. Bei China Moses hat es funktioniert, sie hat auch viel von ihrer Mutter geerbt, klingt aber doch ganz anders.

China Moses‘ Band, das sind junge Männer aus unterschiedlichen EU- und bald Nicht-mehr-EU-Staaten, die zwei Stücke brauchen um sich warmzuspielen. Dann aber wurde es lustvoll, geschmeidig, und auch überraschend frei. Bassist Luke Wynter und Schlagzeuger Marijus Aleksa weiteten eine eher als kurze Groovepassage geplante Stelle zu einem langen und auch unvorhersehbar offenen Doppelsolo aus. Angefeuert von der Lady in schwarzem Überwurf und überkniehohen Stiefel gingen die zwei immer gewagtere Wege, das mutete etwas lang an, war aber doch spannend anzuschauen und -zuhören. Genauso manches Saxophonsolo von Luigi Grasso, dessen Altsaxophon wie das von David Sanborn schmalzen, aber auch wie das von Ornette Coleman krätzen kann.
Auch Pianist Joe Armon Jones bekam seine ausführliche Solopassage, in der er sich fast an das geniale Solopiano-Spiel von George Shearing annäherte.

Die Songs von China Moses, alles Kompositionen die sie zusammen mit Songwriter Anthony Marshall geschrieben hat, erzählen jeder für sich eine Geschichte. Mal ist das ein Blues, mal eine Rocknummer, mal eine Soulballade, alle sind aber nicht nur jazzig angehaucht, sondern durchtränkt.

Nicht immer gelingt der Spannungsbogen und nicht immer ist die Story mitreißend, aber schlüpft die Sängerin in explizite Rollen, ist sie großartig. Als Betrunkene möchte man sie fast stützen, so schwankt sie, und ihre Band untermalt das augenzwinkernd – und mit merklich angeheiterten Saxophontönen. Skandiert sie wütend, wird auch der Schlagzeug-Beat rauer und die Intensität stärker.

Wie sie dann aber die Geschichte von der Bar in Paris, nein in Burghausen erzählt, in der sie Whisky trinken möchte und der sie dieser Kerl anspricht, läuft sie endgültig zu Hochform auf. Der Kerl übrigens wird später ihr Ehemann.

Mit kleinen Einschränkungen ein Konzert zum Genießen. Ein Whisky mit erfreulichen Folgen.

 

Verzerrtes Saxophon im Bühnennebel

Es war ein seltsames Bild, das sich hier im Stadtsaal bot: Nach dem Konzert von ‚Hildegard lernt fliegen’ war es Zeit für Guillaume Perret & The Electric Epic’. Als ich den Konzertsaal betrat, war der bereits von Nebelschwaden gefüllt. Zunächst dachte ich an einen durchgebrannten Gitarrenverstärker. Aber weit gefehlt. Das war alles Teil des Konzerts. Eines Rockkonzerts. Samt Lightshow und rot illuminiertem Saxophon, das im Nebel eine mystische Atmosphäre erzeugt. Definitiv nichts für feinsinnige Klangästheten mit kammermusikalischem Anspruch.

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Guillaume Perret zeigte sich bei seiner Begrüßung sichtlich beeindruckt von ‚Hildegard lernt fliegen’. Dennoch war seine Musik so anders als der akustische Sound der ersten Besetzung dieses Abends: elektrisch und laut. Er jagte sein Tenorsaxophon durch sämtlich verfügbare Gitarreneffekte, sodass am Ende beim Zuhörer nur noch kreischende Klänge ankamen. Sicherlich, die vier Musiker können spielen. Schlagzeuger Yoann Serra spielt in anderen Projekten sehr guten akustischen Jazz. Gitarrist Nenad Gajin überzeugt durch ein tolles Timing beim Begleiten und weiß auch in seinen Improvisationen harmonisch zu überzeugen. Natürlich hört man den Einfluss von Progressive Rockbands wie King Crimson und Yes. Dennoch: Es ist alles etwas zu dick aufgetragen. Zudem sind die Kompositionen Perrets zu eintönig und austauschbar. Die Zusammenstellung der beiden Bands an einem Abend wirkte leider etwas unglücklich. Denn es gibt sicherlich Fans eines so lauten Fusion-Rocksounds. Das Publikum war geteilt. Einige verließen den Saal, andere blieben und applaudierten freundlich. Ein Jazz-Abend der Kontraste.

 

Burghausen lernt Astrologie

Eine spannende Besetzung hat sich der Schweizer Sänger Andreas Schaerer mit ‚Hildegard lernt fliegen’ da zusammengestellt: Der Schlagzeuger Christoph Steiner wechselt für einige Stücke ans Marimbaphon, die Saxophonisten Matthias Tschopp und Matthias Wenger greifen auch zur Querflöte oder Bassklarinette. Andreas Tschopp spielt Posaune und Tuba. Einzig der Kontrabassist Christoph Steiner bleibt bei seinem Instrument. Und da ist ja noch Schaerer selbst: kein Sänger im klassischen Sinne, sondern ein Vokalkünstler, der mit seiner Stimme so ziemlich alles machen kann.

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Die Palette reicht von Unisono-Passagen mit den Bläsern über Scat-Improvisationen, Sprechgesang und Beatboxing. Alles in einer Performance, die auch die Bewegungen auf der Bühne mit einbezieht. Wenn er mit seiner Stimme die Tonhöhe verändert, spiegelt sich das meistens in seiner Gestik. Auch bei seinen Improvisationen spielt er auf einer imaginären Trompete.

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‚Hildegard lernt fliegen’ muss man als Gesamtkunstwerk verstehen. Ein tropfendes, tickendes, klackendes Mosaik, das auseinanderfällt und sich wieder zusammensetzt. So findet man in seinen Stücken, die er – bis auf eines – selbst geschrieben hat, oft zu Beginn wiederkehrende rhythmische Muster und Akkordfolgen, die in freie Improvisation übergehen, um dann wieder den Bogen zum Anfang zu schlagen. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Andreas Schaerer und Andreas Tschopp an der Posaune verblüfft. Zusammen singen sie einige schwindelerregende Passagen. All diesen Feinheiten hört man gerne zu, erlebt, wie die Musiker untereinander ständig in Interaktion stehen und dadurch Leichtigkeit und Spielfreude versprühen.

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Wären da nicht die etwas überbordenden Ansagen von Andreas Schaerer. Sie geraten teilweise so ausufernd, dass der Fokus auf die Musik manchmal verloren zu gehen droht. Wenn er in einem irrwitzigen Sprachtempo von Entdeckungen im Weltraum erzählt, die mit dem Hubble-Teleskop gemacht wurden, von Sternen und weit entfernten Galaxien. Um dann abzuschließen, er wolle damit sagen, dass alles ‚irgendwie zusammenhängt’.

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Sicher ist das virtuos und meist wirklich unterhaltend, aber auf Dauer auch etwas anstrengend. Was ist, wenn man mit dem Kosmos von Andreas Schaerer wenig anfangen kann? Den Bogen von der Anthropologie über die Philosophie bis zur Politik nicht schlagen möchte? Die Musik von ‚Hildegard lernt fliegen’ aber schätzt? Dann wird es schwierig. Denn Schaerer lässt den Zuhörern kaum Momente zu atmen und zu reflektieren. Schön wäre es, wenn man sich selbst Bilder zu der Musik malen könnte. Dann würde die Musik vielleicht noch mehr fliegen.

 

Hüpfspaß und Klatschzwang

P1110101Am Freitag muss man mitklatschen! Und mitsingen! Sonst könnte eine Rüge von der Bühne kommen. Hier hat man gefälligst Freude zu haben, und zwar bei lautem, gutgespieltem, gleichförmigem Spaßsoul oder bei einer Musik, mit direkter Emotion, die so manchmal fehlt bei diesen Jazzfestivals.

Aber der Reihe nach: Zweimal große Besetzung, viele Blasinstrumente, Musik, die anstecken soll. Zuerst gespielt von 19 fröhlich hüpfenden Kaninchen aus Frankreich. „Bonsoir!“ rufen die Mitglieder von „Les Lapins Superstars“, dieser überdimensionierten Blaskapelle, in der sogar Baritonhörner einen Platz haben neben Trompete, Posaune und Saxophon.

P1110135Gleich entsteht da eine besondere Stimmung: Die jungen Instrumentalisten erinnern an eine Gruppe, zusammengeschweißt durch drei Wochen Sommerlager, bei dem langvorbereiteten „Bunten Abend“, nach dem alle wieder auseinandergehen. Hier glitzern die Gesichter, nicht nur weil auf mancher Wange blinkende Schminke funkelt, auch, weil hier ein Gruppenerlebnis zelebriert wird. Musikalisch ist die wilde 19 fast durch die Bank nicht ganz sattelfest, die Soli sind immer etwas zu lang, aber darum geht es hier nur am Rande. Hier geht es um „Gruppen-Stimmung“, und das ist besonders in diesen Tagen ein heikles Thema. Da gibt es bedenkliche Dynamiken in unserer Gesellschaft. Umso wichtiger, etwas zu erleben, das durchweg eine positive Gruppendynamik hat. Hier kommen junge Menschen mit dem, was sie können, zusammen und zelebrieren ein ansteckendes Miteinander. So ansteckend, dass es stehenden Applaus gibt, schon während des Konzerts, und das ganz ohne die Aufforderung dazu.

P1110465Das war dann schon eher eine Spezialität von James Copley, dem Leadsänger der Electro Deluxe Big Band. „Electro“ beschränkte sich auf ein paar dürftige Zuspielungen. „Deluxe Big Band“ bezog sich klar auf alle Instrumentalisten. Eine Bläser-Section, die punktgenau und intonationssicher funktionierte, dazu drei Solisten, die ihre Groove-Jazz-Lektionen locker parat hatten und eine starke Rhythmusgruppe mit herausragendem Keyboarder. Sänger Copley, optisch zwischen George Clooney und Robbie Williams, gesanglich auch irgendwo in dieser Richtung angesiedelt, ist ausschließlich Profi, und genau das geht an die Nerven. Zwang zur guten Laune und zum Tanzen, und zwar in jeder Ansage. Wie bei allen korrekten Formeln, ging auch diese auf in der Wackerhalle, aber Seele, musikalisches Neuland, Geschmeidigkeit und zu Herzen gehende Emotion, wie bei den „Lapins“, kam nicht rüber.

P1110351Ein Abend der ähnlichen Konzepte mit ganz unterschiedlichen Mängeln. Bleibt die Frage: Muss man wirklich jeden Jazzwochen-Freitag pausenlos mitklatschen und mitsingen? Hoffentlich nicht, denn der Reiz des Kontrastes zwischen vielleicht kammermusikalischem Jazz und einer Party-Groove-Gruppe ist viel größer. Da kann man dann auch befreiter mitklatschen.

 

Der Bass, der Bogen und die dünne Luft

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Es lebe das Unerwartete: Stanley Clarke, lässig mit Sonnenbrille, Jeans und schwarzer Weste, spielt gleich beim ersten Stück jenes Instrument, das man nun gerade nicht mit ihm assoziiert – den Kontrabass. Und nach wenigen Minuten streicht er die Saiten sogar mit dem Bogen. Da lehnt er nun, ganz locker auf einem hohen Hocker, jener Super-Zauberer der dicken Tiefton-Saiten, den man mit schnalzenden E-Bass-Kaskaden aus den allerschönsten Zeiten des Fusion-Jazz verbindet, mit wirbelnden Knack-Läufen aus „Return to forever“-Jahren, und es schmiegt sich das ungleiche Geschwister-Instrument an seinen Körper – und alles sieht so leicht aus und klingt auch so.

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Mit Bass und Bogen kann er umgehen – mit dem Spannungsbogen, wie sich alsbald herausstellt, allerdings weniger. Clarke, dieser große Virtuose aus Philadelphia, der unter zwanzig war, als er mit Größen wie Stan Getz und Art Blakey spielte, kam mit einer Band aus hochbegabten Youngsters in die Wackerhalle, mit denen er heute seine eigene Geschichte unter umgekehrten Vorzeichen fortsetzt. 20, 21, 30: So jung sind die Partner des im Juni 1951 geborenen, ungemein jugendlichen Bandleaders. Sie heißen Beka Gochiashvili (Klavier), Michael Mitchell (Schlagzeug) und Cameron Graves (Keyboards). Und sind spieltechnische Spitzenkräfte, scheinbar ohne instrumentale Geschwindigkeitsbeschränkung.

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Doch das Programm geht bald seltsame Wege, dramaturgisch wie geschmacklich. Da imitiert das Keyboard mal eine Flöte, mal eine Marimba, mal ein Glockenspiel. Und drum herum die Wirbelwinde. Und ab und zu eine Bass-Einlage zum ungläubigen Staunen – wenn man Flamenco auf vier Saiten übertragen kann, dann zeigte Stanley Clarke hier gleich beim ersten Solo, wie das geht. Das Problem: Es geht immer so weiter. Das Programm mutiert zu einer losen Abfolge hochartistischer Soli und luftraubender Unisoni. Jazz als Glitzerparade virtuoser Töne, Manege frei für ein inhaltsarmes Schneller-Höher-Weiter, das zum puren Selbstzweck wird. Fraglos zu bewundern: die schier unfassbare Fingerfertigkeit und Intonationssicherheit Stanley Clarkes, bei dem auch jeder gestrichene Ton blitzsauber klingt. Doch mit sehr verhalltem Tonabnehmer-Sound ist auch das irgendwann Geschmackssache.

Zum E-Bass („Oh oh“!) greift der Meister übrigens erst in der Zugabe – vor stehend mitklatschendem und den Minimal-Text mitsingendem Publikum. Bass und Spiele: So klingt das. Lässig, flink, jugendlich – und ohne viel Aufhebens um musikalische Substanz. Auch das: ist unerwartet.

 

Der magische Gesang der Freiheit

 

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Anzug, Krawatte und Hut: So locker und leichtfüßig wie Sangoma Everett die Bühne betritt, ist auch die Musik seines Trios. Zum ersten Mal stehen die drei mit Enrico Rava und Olivier Ker Ourio am Donnerstagabend auf der Bühne in der Wackerhalle. Da darf auch schon mal das Handy von Everett am Anfang klingeln, als er die Musiker vorstellt. Er tut das mit einer Offenheit, die sich genauso im Konzertprogramm widerspiegelt.

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Eigenkompositionen aller Musiker und drei Standards fügen sich zu einem stimmigen Ganzen. Es ist diese Mischung aus europäischem Flair und amerikanischer Coolness, die der Musik an diesem Abend die nötige Würze gibt. Rava, der Magier, in diesem Konzert ausschließlich am Flügelhorn, spielt eine Melodie. Macht eine Pause, lässt die Musik atmen, spielt die nächste. Reagiert auf seine Mitmusiker. Wie in der sensiblen Duoversion von „My Funny Valentine“ mit Pianist Bastien Brison. Olivier Ker Ourio an der Mundharmonika überzeugt mit seinen Improvisationen und im Zusammenspiel mit Rava. Da vermischen sich zwei unterschiedliche Farben: feingliedrig die Harmonika, feinsinnig die Trompete. Die beiden führen eine leichte, aber nie oberflächliche Konversation. Mit „Jitterbug“ von Thomas ‚Fats’ Waller und „Art Deco“ von Don Cherry verneigen sich die fünf Musiker vor zwei ganz unterschiedlichen Musikern des Jazz: Der eine, Waller, einer der besten Swing-Musiker, der andere, Cherry, eine Freejazz-Ikone. Wenn der Bassist bei diesen Stücken zu walken beginnt, wird es improvisatorisch richtig spannend: hier spielt Rava seine stärksten Soli.

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Dank der Musikalität von Everetts Frau hören wir auch eine Komposition von ihm: Bei einer Wanderung fiel ihm eine Melodie ein, die er ihr vorsang und die sie sich merken sollte. Da ihr das offenbar spielend gelang, landete das Stück dann später auch auf Notenpapier. Und auf der Bühne in Burghausen: Everett spielt ‚WAOF’ – kurz für ‚where are our friends?’ – reduziert mit seinem Trio.

 

Am Ende kommen die Musiker noch einmal alle für ein Stück von Rava zusammen: „Le solite cose“, zu deutsch: die gewöhnlichen Sachen. Aber nichts an diesem Abend ist gewöhnlich: Dieses Konzert klingt – auch wenn zwischendrin nicht jede Bläser-Phrase astrein intoniert war – wie ein Appell an die Freiheit im Jazz.

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Das Innige und das Bravouröse

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Es gibt Momente, die merkt man sich. Fünf Stücke, gleich am Anfang dieses Konzerts, gehören dazu. Eine Bühne voller Instrumente – aber nur zwei Musiker stehen da zunächst in der Mitte. Und nach einem kurzen Solostück des einen entspinnt sich ein Dialog voller Stimmung. Ron Carter, Kontrabass, und Richard Galliano, Akkordeon. Ein amerikanisch-französischer Ent-Spannungs-Gipfel mit sehr hohem Verständigungs-Potenzial – beim zweiten Konzert am ganz späten Mittwochabend in der Wackerhalle.

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Viel fürs Jazzer-Herz ist da drin. Wie Richard Galliano sich hinter seinem Akkordeon genüsslich in seufzenden Melodien aalt – und Ron Carter gelassen-unspektakulär Kontrapunkte dazu improvisiert: Das hat die Ruhe und Unaufgebrachtheit eines echten Zwiegesprächs; also: Ohren auf und alle Wege offen. Selbst wenn man sich natürlich vorher auf eine Tagesordnung geeinigt hat. Zwanzig Minuten, großer Zauber der Begegnung.

 

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Nach dieser Einleitung mit freier Rede zu zweit der Part mit sehr viel Partitur-Papier – und 18 Musikern zur Verstärkung. Die WDR-Big-Band unter ihrem Chefdirigenten und launigen Conférencier Richard DeRosa spielte mit jedem der beiden Star-Solisten einen Programm-Block. Gallianos eigene Arrangements von Stücken wie Astor Piazzollas „Michelangelo“ und Gallianos „Regain“, DeRosas Arrangements von Carter-Nummern wie „Eight“, „Receipt, please“ oder – lautmalerisch finster tönend – „Doom Mood“.


Ungemein flüssig bewegte Masse in beiden Programm-Teilen. Die WDR-Big-Band zeigte sich hier als ein Jazz-Luxus-Gefährt von funkelnder Beweglichkeit – mit Solisten wie Karolina Strassmayer (Altsax und Flöte), Ludwig Nuss (Posaune), Frank Chastenier (Klavier) und Bertram Burkert (Gitarre), die den Stücken spannende individuelle Farben abgewannen.

 

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Eine kleine Insel im Big-Band-Teil: als Ron Carter den Country-Klassiker „You are my sunshine“ als Solo-Rätselstück inszenierte, aus dem sich ganz allmählich die Melodie herausschälte, die dann mit gewitzten Tremolo-Schatten und Lichtblitzen aus einer Bach-Cello-Suite andere Horizonte erreichte. Und der Schlusspunkt dieses Konzerts: eine Rückblende zum Anfang mit einem lakonischen Blues von Galliano und Carter noch einmal im Duo: wenige Töne, wenig Ehrgeiz, viel Aussage. Innige Verständigung über Sprachgrenzen hinweg – und Carter und Galliano zeigten hier wie in den Duo-Stücken am Anfang wortlos etwas, das die Menschheit im Moment ganz dringend brauchen könnte: Gefühl füreinander.

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Sempft mit Stil

Das Kammer OrKöster: Nicht nur der Bandname ist ungewöhnlich: Sie kommen ganz ohne Harmonieinstrument aus. Die Akkorde legen sie lieber in die Stimmen ihres selten besetzten Bläsersatzes: Trompete, zwei Posaunen und Alt-Saxophon. Komplettiert von Kontrabass und Schlagzeug, entsteht ein Sound, der sie unverkennbar macht: mal feinsinnig lyrisch und dann wieder kraftvoll groovend. Sie spielen an diesem Abend durchweg Eigenkompositionen, die genau zwischen diesen zwei Polen wandern.

Gelungene Eröffnung der Jazzwoche Burghausen in der Wackerhalle. Das Kammerer Orköster – feinsinniger Bläsersound und kraftvoller Groove. Trompete: Richard Köster, Benjamin Daxbacher: Alt-Saxophon, Alois Eberl: Posaune, Christian Zöchbauer: Posaune, Beate Wiesinger: Bass, Jakob Kammerer: Schlagzeug.

Richard Köster fühlt sich in seiner Heimatstadt sichtlich wohl: Sein Spiel an der Trompete und am Flügelhorn ist ausdrucksstark und facettenreich. Seine Ansagen sind sympathisch und bodenständig. Er ist sichtlich geehrt, Teil dieser Jazzwoche zu sein und bekennt am Ende, er würde sich freuen, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein. Bezüge zu seiner Heimat spiegeln sich auch in einem Titel wider: Wenn das Kammerer OrKöster ‚Senf‘ auspackt (gesprochen: „Sempft“), wird es musikalisch scharf: dann rumort es mit einem Hauch von Ironie. Dabei kontrastieren die tiefen Töne der Posaunen mit den hohen von Saxophon und Trompete, um dann im nächsten Moment wieder zu einem gemeinsamen Bläsersound zu verschmelzen. Da haben die Musiker viel zusammen getüftelt und sich dann fein abgestimmt. Dabei haben sie ein feingliedriges musikalisches Gerüst geschaffen, aus dem sie immer wieder mit starken Improvisationen ausbrechen: Etwa wenn Posaunist Alois Eberl die Posaune ansetzt und mit seinen kraftvollen Linien die ganze Band mitreißt, oder wenn Bassistin Beate Wiesinger mit ihrem vollem Ton ein Intro spielt. Aber nichts davon wirkt wie Show, und gerade deswegen ziehen sie das Publikum in ihren Bann. Man hat das Gefühl, dass hier nicht nur sechs Musiker, sondern auch sechs Freunde auf der Bühne stehen, die sich gegenseitig zuhören und einander vertrauen. Nur so kann dieser Bandsound entstehen, von dem die Zuschauer an diesem Abend nicht genug bekommen können: Mit viel Applaus wird das Kammerer OrKöster verabschiedet und lädt mit dann mit einer fein-knalligen Zugabe ‚zum Tanzen‘ ein. Ein gelungenes Eröffnungskonzert der 47. Burghauser Jazzwoche!