Jazzwoche 2017

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Am Dienstag geht es endlich wieder los!

Auch hier im Jazz-Blog zur Jazzwoche… Wir planen ganz tolle Beiträge, Interviews und Buntes um und über die 48. Internationale Jazzwoche Burghausen!!!

 

Die zeitlose Magie des Jazz

Die Jazzwoche 2016 ist zu Ende. Unser BR-Blog wird bis nächstes Jahr geschlossen. Alle Beiträge und Post bleiben aber sichtbar und Kommentare werden freigeschalten.

Am vergangenen Samstag hatten wir noch Gelegenheit, mit Kirk Lightsey, der dieses Jahr wieder im Jazzkeller der Hauspianist war, ein einstündiges Interview zu machen. Auf die Frage, welche Bedeutung Jazz allgemein für ihn hatte und hat, sagte er: „Jazz damals, das war ein Tanz, ein Gefühl, ein Groove, das war hip“.

Das soll unser Schlusswort sein, denn genau so haben wir den Jazz in Burghausen erlebt. Jazz in Burghausen 2016: Das war ein Tanz, ein Gefühl, ein Groove, das war hip.

Dann auf ein Neues, 2017 …

 

Legenden und Newcomer

Hier nochmal ein paar der schönsten Momente der 47. Internationalen Jazzwoche Burghausen vom Eröffnungskonzert am 9. März in der Wackerhalle. Das Kammerer OrKöster und Ron Carter & Richard Galliano mit der WDR Big Band Köln.

Eingefangen von Ralf Dombrowski

 

Eins, Zwei, Viele

Der Versuch einer musikalischen Bilanz zur 47. Internationalen Jazzwoche Burghausen

Carter & Galliano

Es gibt sie, diese Momente. Sie bleiben hängen, vielleicht für immer. Musik ändert das Leben, und manchmal ist es die leise Musik, die das am besten kann.

Die Jazzwoche Burghausen ging am Sonntag zu Ende. Über 30 Konzerte in der ganzen Stadt und wahrscheinlich eine Rekordzahl an teilnehmenden Künstlern. Allein drei Bigbands konnte man erleben, dazu große Combos mit sechs bis zehn Beteiligten, und relativ wenig kleinere Bands. Auf der Hauptbühne in der Wackerhalle gab es nur am Blues-Nachmittag ein Trio, alle anderen neun Bands waren größer besetzt.

Trotzdem, diese Jazzwoche bleibt vor allem in Erinnerung wegen ihrer reduzierten, kleinen, intimen Momente, und da gab es einige.

Wie etwa Kontrabassist Ron Carter und Akkordeonist Richard Galliano einander musikalisch umarmen – Galliano spricht sogar im Interview von einem „Akt der Liebe“. Ganz nah sind sich die beiden. Musik, technisch und ästhetisch enthoben, über all dem Lärm der Zeit schwebend.
Noch gesteigert wird das nur in der weiteren Reduktion. Ron Carters Finger wandeln über die Saiten seines Instruments und lassen die Sonne aufgehen. Der Klassiker „You are my sunshine“, teilweise verwoben mit dem Präludium aus der Cello Suite Nr. 1 G-Dur von Johann Sebastian Bach, auch ein Klassiker. Was Ron Carter hier entstehen lässt, ist einer dieser unvergesslichen Momente, in dem die Töne zwar verklingen, aber für immer Spuren hinterlassen.

P1100699So etwas geschieht auch einen Tag später. Der amerikanische Schlagzeuger Sangoma Everett kommt mit seinem Trio und Gästen in die Wackerhalle. Everett ist ein Gentleman. Er lässt anderen den Vortritt. Seinem Gast, dem Trompeter Enrico Rava zum Beispiel. Die Italienische Jazzlegende, im Sommer wird er 77, wird dadurch gleich vor eine Herausforderung gestellt: „My funny Valentine“ im Duo mit Everetts Pianist Bastien Brison, 52 Jahre jünger als Rava. Nicht einmal kurz anspielen können sie das Stück. Probe gibt es keine, und der Soundcheck ist zu hektisch.

Aber der Dialog der beiden im Konzert, das aufmerksame, konzentrierte Einander-Zuhören und Auf-Einander-Eingehen, wird zur Sternstunde. Brison schürft nach tiefverborgenen Harmonien in der weitläufigen Miene dieses Jazzstandards und Rava fördert zarteste Rohdiamanten an Tönen aus dem dunklen Stollen zu Tage. Auch so ein Moment für die Ewigkeit.P1110634

Aber es gibt noch mehr dieser Augenblicke: Sänger Andreas Schaerer bei seinen unbegleiteten Soloexkursen. Rhythmus, Melodie und Harmonie werden nur mit Mund, Kehle und Nase erzeugt, beeindruckend.

Bassistin Beate Wiesinger aus dem Kammerer OrKöster, der Gewinnerband des Nachwuchspreises, nimmt sich mehr als drei Minuten um ein Intro zu spielen, in dem jeder Ton seine zu Herzen gehende Bedeutung hat.

Oder wie die Startrompeter Franco Ambrosetti und Dusko Goykovich, seit fast mehr als 50 Jahren befreundet, einander respektvoll auf der Bühne begegnen.

Ambrosetti & Goykovich

Die lauten Momente der Jazzwoche waren witzig und emotional, wie bei dem französischen Brassband-Partyhaufen „Les Lapins Superstars“. Oder professionell beeindruckend, wie bei den perfekten Einsätzen und kraftvollen Soli der WDR Big Band, die Carter und Galliano in Teilen des Konzerts begleitete, oder kalt virtuos, wie bei den schier endlosen Tonkaskaden der Stanley Clarke Band.

Von den leisen Momenten aber, die man bei der 47. Internationalen Jazzwoche Burghausen erleben konnte – von ihnen wird man noch lange sprechen.

 

Verzerrtes Saxophon im Bühnennebel

Es war ein seltsames Bild, das sich hier im Stadtsaal bot: Nach dem Konzert von ‚Hildegard lernt fliegen’ war es Zeit für Guillaume Perret & The Electric Epic’. Als ich den Konzertsaal betrat, war der bereits von Nebelschwaden gefüllt. Zunächst dachte ich an einen durchgebrannten Gitarrenverstärker. Aber weit gefehlt. Das war alles Teil des Konzerts. Eines Rockkonzerts. Samt Lightshow und rot illuminiertem Saxophon, das im Nebel eine mystische Atmosphäre erzeugt. Definitiv nichts für feinsinnige Klangästheten mit kammermusikalischem Anspruch.

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Guillaume Perret zeigte sich bei seiner Begrüßung sichtlich beeindruckt von ‚Hildegard lernt fliegen’. Dennoch war seine Musik so anders als der akustische Sound der ersten Besetzung dieses Abends: elektrisch und laut. Er jagte sein Tenorsaxophon durch sämtlich verfügbare Gitarreneffekte, sodass am Ende beim Zuhörer nur noch kreischende Klänge ankamen. Sicherlich, die vier Musiker können spielen. Schlagzeuger Yoann Serra spielt in anderen Projekten sehr guten akustischen Jazz. Gitarrist Nenad Gajin überzeugt durch ein tolles Timing beim Begleiten und weiß auch in seinen Improvisationen harmonisch zu überzeugen. Natürlich hört man den Einfluss von Progressive Rockbands wie King Crimson und Yes. Dennoch: Es ist alles etwas zu dick aufgetragen. Zudem sind die Kompositionen Perrets zu eintönig und austauschbar. Die Zusammenstellung der beiden Bands an einem Abend wirkte leider etwas unglücklich. Denn es gibt sicherlich Fans eines so lauten Fusion-Rocksounds. Das Publikum war geteilt. Einige verließen den Saal, andere blieben und applaudierten freundlich. Ein Jazz-Abend der Kontraste.

 

Burghausen lernt Astrologie

Eine spannende Besetzung hat sich der Schweizer Sänger Andreas Schaerer mit ‚Hildegard lernt fliegen’ da zusammengestellt: Der Schlagzeuger Christoph Steiner wechselt für einige Stücke ans Marimbaphon, die Saxophonisten Matthias Tschopp und Matthias Wenger greifen auch zur Querflöte oder Bassklarinette. Andreas Tschopp spielt Posaune und Tuba. Einzig der Kontrabassist Christoph Steiner bleibt bei seinem Instrument. Und da ist ja noch Schaerer selbst: kein Sänger im klassischen Sinne, sondern ein Vokalkünstler, der mit seiner Stimme so ziemlich alles machen kann.

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Die Palette reicht von Unisono-Passagen mit den Bläsern über Scat-Improvisationen, Sprechgesang und Beatboxing. Alles in einer Performance, die auch die Bewegungen auf der Bühne mit einbezieht. Wenn er mit seiner Stimme die Tonhöhe verändert, spiegelt sich das meistens in seiner Gestik. Auch bei seinen Improvisationen spielt er auf einer imaginären Trompete.

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‚Hildegard lernt fliegen’ muss man als Gesamtkunstwerk verstehen. Ein tropfendes, tickendes, klackendes Mosaik, das auseinanderfällt und sich wieder zusammensetzt. So findet man in seinen Stücken, die er – bis auf eines – selbst geschrieben hat, oft zu Beginn wiederkehrende rhythmische Muster und Akkordfolgen, die in freie Improvisation übergehen, um dann wieder den Bogen zum Anfang zu schlagen. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Andreas Schaerer und Andreas Tschopp an der Posaune verblüfft. Zusammen singen sie einige schwindelerregende Passagen. All diesen Feinheiten hört man gerne zu, erlebt, wie die Musiker untereinander ständig in Interaktion stehen und dadurch Leichtigkeit und Spielfreude versprühen.

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Wären da nicht die etwas überbordenden Ansagen von Andreas Schaerer. Sie geraten teilweise so ausufernd, dass der Fokus auf die Musik manchmal verloren zu gehen droht. Wenn er in einem irrwitzigen Sprachtempo von Entdeckungen im Weltraum erzählt, die mit dem Hubble-Teleskop gemacht wurden, von Sternen und weit entfernten Galaxien. Um dann abzuschließen, er wolle damit sagen, dass alles ‚irgendwie zusammenhängt’.

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Sicher ist das virtuos und meist wirklich unterhaltend, aber auf Dauer auch etwas anstrengend. Was ist, wenn man mit dem Kosmos von Andreas Schaerer wenig anfangen kann? Den Bogen von der Anthropologie über die Philosophie bis zur Politik nicht schlagen möchte? Die Musik von ‚Hildegard lernt fliegen’ aber schätzt? Dann wird es schwierig. Denn Schaerer lässt den Zuhörern kaum Momente zu atmen und zu reflektieren. Schön wäre es, wenn man sich selbst Bilder zu der Musik malen könnte. Dann würde die Musik vielleicht noch mehr fliegen.