Die 48. Jazzwoche Burghausen

Mit diesem wunderbaren Video über die diesjährige Jazzwoche von Markus Valley verabschieden wir uns für dieses Jahr!

Es war eine Woche voll mit Musik, Erlebnissen, Eindrücken und tollen Begegnungen: Eine ganz besondere Jazzwoche!

Bis nächstes Jahr vom 6. bis zum 11. März 2018…

 

Soul, Tanz und der Mut zur Kante

Internationale Jazzwoche Burghausen 2017: Eine Bilanz

Ein neuer Besucherrekord (über 8500 insgesamt), ein Programm voller Kontraste an sechs Tagen – und populäre Knüller wie der Auftritt der britischen Soul-Sängerin Joss Stone: Da sah man dann bei der Schluss-Pressekonferenz am Sonntagmittag sehr zufriedene Gesichter. Der Organisations-Chef Herbert Rißel, der künstlerische Leiter Joe Viera und der Bürgermeister Hans Steindl waren sich einig, dass die Internationale Jazzwoche Burghausen 2017 ein voller Erfolg gewesen sei. „Eine der besten Jazzwochen, die ich je erlebt habe. Und ich habe 35 Jahre erlebt“, so der Bürgermeister, der aber gleichzeitig betonte, dass ein wichtiges Ziel erst noch erreicht werden müsse: möglichst viele junge Besucher zum Jazzfestival zu locken. „Daran müssen wir noch arbeiten.“

In zwei Jahren feiert das Festival 50-jähriges Bestehen, und das stachelt den Ehrgeiz der Organisatoren und der Stadt noch weiter an. Bei der 48. Internationalen Jazzwoche, die am Sonntag mit dem „Next Generation Day“ zu Ende ging, war eines aber schon deutlich festzustellen: Auf den Bühnen des Festivals ereignete sich besonders viel junge Musik. Und dazu passend brachten viele Bands die Besucher auch auf die Beine. Seltsam einheitliches Bild bei mehreren Konzerten – ob am Ende der Verlockungs- und Verführungs-Show von Joss Stone; ob in der Schlussphase des funkensprühenden Programms der ausgezeichneten jungen Saxophonistin Lakecia Benjamin und ihrer voller Funky-Energie steckenden Band; oder auch in der ungemein farbenreichen Heimat-Hommage des kubanischen Pianisten Roberto Fonseca: Stets folgte das Publikum der Aufforderung zum Tanz und feierte dann im Stehen und Sich-Rütteln und -Recken eine Musik, bei der Stillsitzen sowieso merkwürdig fehl am Platz gewesen wäre. Bewegende Jazz-Abende, im ganz wörtlichen Sinn.

Burghausen 2017 war ein glanzvolles Festival. Durch eine Mischung, die zwischen leichter Unterhaltsamkeit und unbequem-aktueller Musik ohne Scheuklappen zusammengestellt war, konnte man – manchmal direkt aufeinander folgend am selben Abend – völlig unterschiedliche Dinge erleben. Auf der einen Seite zum Beispiel die charmanten, bluesig-souligen Rollenspiele der Sängerin China Moses (Tochter von Dee Dee Bridgewater), auf der anderen so etwas wie das drangvoll gewichtige 80-Minuten-Werk „Meridian Suite“ des Schlagzeugers Antonio Sanchez, dessen fünfköpfige Band mit dichtester Substanz einen ungemein starken, fast symphonischen Bogen spannte. Mit dem Programm „Jazz – the Story“ als Haupt-Act am Samstagabend hatte man auch noch eine glänzend musizierte Jazz-Geschichtsstunde zu bieten, verabreicht von Weltklasse-Musikern wie den Saxophonisten Vincent Herring und James Carter sowie Trompeter Jon Faddis, mit einem Repertoire, in dem Ober-Jazzklassiker wie „Ain’t misbehavin’“, „Take Five“ oder auch „So What“ vorkamen. In Burghausen ist unter dem Etikett „Jazz“ traditionsgemäß höchst Unterschiedliches zu erleben, und diesmal führte das zu einem Facettenreichtum, über den die unterschiedlichsten Hörer glücklich sein konnten. Die gestylte Harmlosigkeit des exzellenten Trompeters und mäßigen Sängers Till Brönner bildete dabei ebenso die aktuellen Formen des Jazz ab wie die knallig-komplexe und britisch-verschrobene Trio-Musik des Pianisten Neil Cowley und seiner beiden Partner, die mit kreativ verbohrter Spiellust ganz neue Ecken und Kanten der Jazz-Besetzung Klavier, Bass, Schlagzeug (plus Elektronik) entdecken ließen.

Musik wie die Letztere – die man noch nicht kennt und die einen an neue Grenzen führt – ist es, die ein Festival auch zu einem Gedanken-Anreger macht. Spannend, dass gerade auch ganz junge Bands sich nicht vor Rauheit und vor der Herausforderung von Hörgewohnheiten scheuten. Die Siegerband des diesjährigen Nachwuchswettbewerbs, das Filippo Vignato Trio – das sind ein Italiener, ein Franzose und ein Ungar mit Posaune, Keyboards und Schlagzeug – spielte Musik, die aus einer hochkonzentrierten gemeinsamen Versenkung entstand: Töne, in denen es um geduldige Entwicklung von Stimmungen ging, um feines Aufeinander-Hören und -Reagieren, um Tiefenstrukturen – und nirgends um reine Wirkung. Und auch im „Next Generation Day“ gab es den Mut zur Kante, zum Nicht-Lieblichen: etwa im intensitätsgeladenen Auftritt des exzellent zusammenspielenden Trios „Just Another Foundry“, das mit Altsaxophon, Kontrabass und Schlagzeug neben melodiös-lyrischen Stücken auch herb-freitönerische mit kraftvoller Plastizität ins Publikum wuchtete.

Ein Festival, in dem Vieles zu entdecken war. Und in dem es unerwartete Momente gab, solche wie am Ende von Roberto Fonsecas Konzert. Fonseca spielte eine Solo-Zugabe auf dem Flügel, die er in eine lyrisch-zärtliche Mitsing-Melodie für das Publikum münden ließ: Sanft schwelgende Stimmen im Saal, mit dem Star des Abends, der schließlich ein Spielzeug-Klavier irgendwo hervorzog, sich vorne am Bühnenrand auf dem Boden setzte und den Publikums-Chor mit leisem Pling-Pling begleitete. Dann der Schluss-Akkord, Fonseca geht raus – und nach ganz kurzer Stille fängt das Publikum erneut zu singen an. Mit Erfolg: Fonseca kommt wieder, auf eine kurze gemeinsame Coda. Das sind die Konzertmomente, die man nie vergisst. Und es wäre ein schöner Erfolg, bei jungen Musikfans publik zu machen, dass es gerade im Jazz mit seiner Offenheit fürs Spontane solche Momente besonders häufig gibt. Mit ihrem 2017er Programm hat die Jazzwoche Burghausen schon geschickt für solche Momente geworben.

Die nächste Internationale Jazzwoche Burghausen findet vom 6. bis zum 11. März 2018 statt.

 

Der Himmel über ABUC

Nachtkritik zum Konzert von Roberto Fonseca

Roberto Fonseca schaut in den Himmel. Dort hängen keine Geigen, Scheinwerfer sieht er. Der Himmel ist die Decke der Wackerhalle, im Grunde wenig malerisch, geschweige denn romantisch. Aber Roberto Fonseca scheint etwas zu sehen, oder es gibt da etwas, dem er nachspürt. Vielleicht ist sein Blick gar nicht in den Himmel gerichtet, vielleicht schaut er eher in sich hinein. Dort, so scheint es, findet er Musik, unendlich viel. Es ist die Musik Kubas, seiner Heimat und er teilt sie großzügig, großherzig und freigiebig mit den Burghausern an diesem Abend in der Wackerhalle.

Pianist Roberto Fonseca

Pianist Roberto Fonseca

Das aktuelle Projekt des Pianisten und Komponisten, der am 29. März 42 Jahre alt wird, ist ein Nach-Hause-Kommen. Nach einigen Jahren auf musikalischer Wanderschaft, hat er sich mit „ABUC“ ganz seiner Heimat gewidmet. Aber er stellt sein Zuhause auf den Kopf; aus „Cuba“ wird „ABUC“. Denn die Zeiten, in denen kubanische Musik klang wie in einem Werbespot für minderwertigen Rum, sind lange vorbei.

Zwar durchdringt die Musik seinen „heiligen Landes“, wie er die Karibikinsel in einer Bühnenansage nennt, jedes Stück, aber es gibt eben auch Klänge, die anregend-neu oder aufregend alt sind. Ein lockerer Tanzrhythmus wird durch einen fast lähmenden Dub-Step-Part unterbrochen, gesampelte Sounds werden über die knackigen Bläsersätze gestülpt, aber auch Barock-anmutende Stimmverschränkungen gibt es oder romantische Akkordbrechungen, die eher an einen anderen Robert, den Schumann nämlich erinnern.

Ganz selten hakt es an diesen Stellen, besonders, wenn künstlich-erzeugte Sounds dazukommen. So klappt die rhythmische Synchronität mal nicht, oder man hört befremdliche Chorstimmen, obwohl eigentlich niemand gerade singt. Diese Effekte könnte man getrost einsparen, sie irritieren nur, wo doch die Musik sonst verführt.

Fonseca liebt unterschiedliches und das macht seine Musik so gut. All seine Vorlieben, und sei es die für einen süffigen Orgelsound, darf er ausleben. Dazu gehört auch der Evergreen „Besame Mucho“, sensationell eingeleitet von Yandy Martinez am Kontrabass. Danach entfesselt er mit Fonseca und Schlagzeuger Ramses Rodriguez eine feurige Improvisationslust, die fast an den Gruppensound des aktuellen Wayne Shorter Quartets erinnert.

Überhaupt die Band des Kubaners: Sie ist nicht nur wunderbar anzuhören, es ist auch einen Freude, die dezenten, aber witzig-wirkungsvollen Choreographien des Bläsertrios mitanzusehen. Wenn Baritonsaxophonist Javier Zalba, Tenorsaxophonist Jimmy „Funky“ Jenks und Trompeter Matthew Simon im Takt ihr Gewicht vom einen auf den anderen Fuß verlagern, muss man schmunzeln und ist doch beeindruckt, besonders wenn die häufige Aufforderung zum Mitklatschen das nicht nur in Burghausen mäßige Rhythmusgefühl der Zuhörer offenbart. Macht aber nichts. Roberto Fonseca und seine sieben Mitmusiker bringen Leichtigkeit in die Wackerhalle. Locker und luftig ist das, ohne an Substanz und Erdung einzubüßen. Man schaut gerne mit Roberto Fonseca in den Himmel, und er schaut gerne in die Wackerhalle. Die den Pianisten sogar nach der letzten Zugabe wieder singend auf die Bühne zurückholt. Der Himmel über ABUC ist schön, das wird klar, der über NESUAHGRUB aber auch.

 

Leuchtspuren mit tieferer Schönheit

Nachtkritik zum Konzert von Lakecia Benjamin & Soul Squad:

Mit Funky-Volldampf geht es los – und dann passiert im Laufe von energiegeladenen anderthalb Stunden in der Burghauser Wackerhalle ganz viel Überraschendes. Eine fünfköpfige Band, die mit Rhythmen wie aus einer imaginären Groove-Maschine loslegt: eine hochgewachsene Saxophonistin im weißen Anzug, die helle, grelle, scharfkantige Altsaxophonlinien spielt; eine Sängerin, ganz in Schwarz gekleidet, die sich von der stimmgewaltigen Anheizerin der ersten Konzertminuten später in einen faszinierenden Bühnengegenpart der Bandleaderin wandeln wird; ein Keyboarder in einer bizarren, weiß-schwarzen Glitzerjacke, der gern auch mal ein Solo unter den Keyboards liegend spielt, den Kopf auf den Klavierschemel gelegt und die Hände nach oben gestreckt, um wild über die Tasten zu wirbeln; ein cooler Bassist mit noch cooleren Minimal-Bewegungen – und ein Schlagzeuger voller Sicherheit, der, wie die Bandleaderin lässig sagt, „diese ganze Operation zusammenhält“. Diese „Operation“ von einer Band, die sich Truppe, Kader (squad) nennt, war eine der gerade nicht militanten Art – und endete in einem gemeinsamen Tanz mit Leuten aus dem Publikum, die sich Lakecia Benjamin auf die Bühne holte.

Saxophonistin Lakecia Benjamin

Saxophonistin Lakecia Benjamin

Wir spielen auf der ganzen Welt für alle Arten von Leuten – und ich habe gehört, dass dieser Ort der beste in Deutschland ist.“ Augenzwinkern, Ironie, aber fern von Showprofi-Phrasen – und dann Musik, die, als Partysound getarnt, ein starkes Statement abgab. Dieses Statement benannte die Dame mit den Ohrringen in Form von Violinschlüsseln dann auch: „Musik verbindet uns.“ Und das war dann das ganze Konzert über zu spüren. Kompakte, groovende Funky-Rhythmen: Das war das eine. Und das andere: viel Blues-Feeling und sogar Gospelschmelz. Sängerin Nicola Phifer ließ in einer Ballade die Töne zu so viel seelenvoller Zartheit zerrinnen, dass man fast alle ihre Kollegen auf der Bühne vergaß, und im Duett mit Lakecia Benjamins Altsaxophon umrankten sich die Töne so stimmig und geschmeidig wie Liebende im Glückstaumel. Innig schöne, aber auch spektakuläre Momente hatte dieses Konzert, nicht nur bei artistischen Keyboardsolos und bei Saxophon-Parts, zu denen die Bandleaderin die Beine nach rechts und links schmiss oder bei einer Huldigung an Lakecias Vorbild Maceo Parker in davongaloppierendem Tempo mit elektronisch verfremdetem Sax. Auch ein langsames, ruhig über eine lange Strecke entwickeltes Saxophonsolo spielte Lakecia Benjamin einmal, und da zeigte sie ihre ganze Kunst teasenden Spannungsaufbaus und nuancenreichen Gefühlsausdrucks. Leuchtspuren mit tieferer Schönheit.

Diese profilstarke Musik machte von Song zu Song mehr Spaß. Seelenvolle Spiellust, verschränkt mit einer Botschaft, die man Song für Song auch politisch verstehen konnte. Eric Claptons „Change the world“ passte gut in den Gesamtgestus des Konzerts. Und dass zum Schlusstanz mit Burghauser Besuchern ausgerechnet Latin-Rhythmen erklangen, war sicher auch nicht bloß ein Zufall. US-Amerikaner, die die Welt umarmen und zu Latin-Sounds mit Europäern tanzen – das tut mal richtig gut in diesen Zeiten.

 

Große Symphonie des aktuellen Jazz

Nachtkritik zum Konzert von Antonio Sanchez & Migration

Man hört und staunt und fragt sich, wann man zuletzt ein so starkes Jazzkonzert erlebt hat. Musik mit ganz langem Atem, immenser Kraft und einem außergewöhnlichen Gefühl für Form: Das spielte die fünfköpfige Band des Schlagzeugers Antonio Sanchez am späten Donnerstagabend. Er nannte es eine Suite – Titel: „Meridian Suite“ -, aber es hatte die Dimension einer großen Symphonie, sowohl von der Dauer her, als auch von der musikalischen Substanz. Das bisherige künstlerische Highlight dieser 48. Internationalen Jazzwoche Burghausen – und womöglich eines, das gar nicht mehr zu überbieten ist.

Antonio Sanchez & Migration nennt sich diese sensationell besetzte Band. Eine Ansammlung so hochkarätiger Solisten ist auch bei Weltklasse-Bandleadern nur selten. Saxophonist Chase Baird, Tenorsaxophon und Electric Wind Instrument; Pianist John Escreet, Flügel und Fender Rhodes; Sängerin Thana Alexa, die ihre Stimme meist instrumental einsetzt, aber zwischendurch auch Texte singt; Bassist Orlando le Fleming, Kontrabass und E-Bass – und schließlich Antonio Sanchez, Schlagzeug. Sanchez spielt sein Instrument mit einer Power und Präzision, für die es, wenn überhaupt, nur ganz wenige Vergleiche gibt. Aber seine musikalischen Partner sind an diesem Abend ebenfalls auf einem Traum-Niveau.

Die große Kunst in diesem Konzert war es, diese Kräfte in einer Komposition so zu bündeln, dass an keiner Stelle auch nur die geringste Versuchung entstand, mit ihnen zu protzen. Ganz im Gegenteil: Alles stand hier im Dienst einer fünfteiligen Komposition mit komplexen, kunstvoll ineinander greifenden Themen und einer faszinierend geschlossenen Form. Da hatte jeder Takt existentiellen Drang und packenden Gehalt. Schon in den ersten Minuten war eine völlig unalltägliche Dichte des Zusammenspiels zu spüren, und die steigerte sich dann Stück für Stück auch noch. Momente zum Atem-Anhalten: wenn ein Klaviersolo des schier magnetische Kräfte entfesselnden John Escreet so mit dem Schlagzeugspiel Antonio Sanchez‘ verzahnt wird, dass die dabei entstehende Spannung fast nicht mehr auszuhalten ist; wenn Chase Baird ein unbegleitetes Solo auf dem Tenorsaxophon spielt und die elektrisierende Energie des gesamten Bandsounds dabei noch spürbar scheint, auch wenn die anderen gerade schweigen; wenn Thana Alexa zum ersten Mal in diesem Programm ein Stück mit Text singt („Flying high …“ beginnt es) und die zugleich erdigen und samtweichen Töne eine verblüffende Innigkeit und Sinnlichkeit entfalten: Gesang, entrückt schön und dabei von hautnaher Wärme.

Antonio Sanchez hatte das Publikum gut vorbereitet in einer kurzen Ansprache, in der er auf die Ausmaße des Stücks hinwies. Er habe schon immer mal eine „musical novel“ schreiben wollen sagt er, einen Roman aus Tönen. Mit seiner Band erreichte er in diesem Konzert eine erzählerische Intensität von Ausnahme-Qualität; dieser musikalische Roman riss mit, packte durch subtil gebaute Sätze mit ganz starken Verben und immer passenden Substantiven, die die Lust am Weiterblättern, Weiterhören, Weiter-in-sich-Aufsaugen immer mehr steigerten – und nichts darin wirkte abgehoben oder akademisch. Ein großes Erlebnis für die Sinne. Ein enormes Werk eines in Mexico-City geborenen US-Amerikaners, das zeigt, wie stark Kultur aus den USA sein kann, wenn es keine Mauer nach Lateinamerika und zu anderen Ländern hin gibt. So schön, so gewaltig, so mitreißend – und so aktuell kann Jazz sein.

 

Eine Bar in Burghausen

Nachtkritik zum Konzert von China Moses

Sie ist betrunken, sie ist wütend, sie ist groovy, sie ist charmant und witzig, und sie ist einsam, zumindest kurz. Dann kommt er, dieser süße Typ und spricht sie an. Dabei will sie doch nur Whisky trinken. Fortsetzung folgt…

Sie ist eine Geschichtenerzählerin, heißt China Moses und begeistert die Wackerhalle mit ihrem Zauber und ihrer Musik.

„Nightintales“ heißt das aktuelle Programm und die, in diesen Tagen erscheinende neue CD, der amerikanischen Sängerin, die lang schon Paris als Heimat hat. Liest man ihren Namen, liest man immer auch den ihrer Mutter. Die heißt Dee Dee Bridgewater und ist eine Jazzlegende. Nicht unbedingt einfach, in die Highheel-Stapfen der Übermutter zu steigen und auch Sängerin zu werden. Bei China Moses hat es funktioniert, sie hat auch viel von ihrer Mutter geerbt, klingt aber doch ganz anders.

China Moses‘ Band, das sind junge Männer aus unterschiedlichen EU- und bald Nicht-mehr-EU-Staaten, die zwei Stücke brauchen um sich warmzuspielen. Dann aber wurde es lustvoll, geschmeidig, und auch überraschend frei. Bassist Luke Wynter und Schlagzeuger Marijus Aleksa weiteten eine eher als kurze Groovepassage geplante Stelle zu einem langen und auch unvorhersehbar offenen Doppelsolo aus. Angefeuert von der Lady in schwarzem Überwurf und überkniehohen Stiefel gingen die zwei immer gewagtere Wege, das mutete etwas lang an, war aber doch spannend anzuschauen und -zuhören. Genauso manches Saxophonsolo von Luigi Grasso, dessen Altsaxophon wie das von David Sanborn schmalzen, aber auch wie das von Ornette Coleman krätzen kann.
Auch Pianist Joe Armon Jones bekam seine ausführliche Solopassage, in der er sich fast an das geniale Solopiano-Spiel von George Shearing annäherte.

Die Songs von China Moses, alles Kompositionen die sie zusammen mit Songwriter Anthony Marshall geschrieben hat, erzählen jeder für sich eine Geschichte. Mal ist das ein Blues, mal eine Rocknummer, mal eine Soulballade, alle sind aber nicht nur jazzig angehaucht, sondern durchtränkt.

Nicht immer gelingt der Spannungsbogen und nicht immer ist die Story mitreißend, aber schlüpft die Sängerin in explizite Rollen, ist sie großartig. Als Betrunkene möchte man sie fast stützen, so schwankt sie, und ihre Band untermalt das augenzwinkernd – und mit merklich angeheiterten Saxophontönen. Skandiert sie wütend, wird auch der Schlagzeug-Beat rauer und die Intensität stärker.

Wie sie dann aber die Geschichte von der Bar in Paris, nein in Burghausen erzählt, in der sie Whisky trinken möchte und der sie dieser Kerl anspricht, läuft sie endgültig zu Hochform auf. Der Kerl übrigens wird später ihr Ehemann.

Mit kleinen Einschränkungen ein Konzert zum Genießen. Ein Whisky mit erfreulichen Folgen.

 

So jazzig klingt die Burg Burghausen

Trompeter Matthias Lindermayr beim Akustik-Check

Am Dienstagabend wurde er beim Burghauser Nachwuchs-Jazzpreis mit dem Solistenpreis ausgezeichnet: Der Münchner Trompeter Matthias Lindermayr. Wir haben mit ihm den Akustik-Check auf der längsten Burg der Welt in Burghausen gemacht. Wie klingt die Komposition „Whisper not“ von Saxophonist Benny Golson an verschiedenen Orten der Burg?

 

 

 

Verlockung mit Soul und Stil

Nachtkritik zum Auftritt von Joss Stone

Solche Szenen gibt es bei Jazzfestivals höchst selten: Der ganze Saal ist auf den Beinen – und der Star des Abends nimmt mitten zwischen den Stuhlreihen ein Bad in der die Hüften schüttelnden Menge, singt dabei soulige Lockrufe zur Bühne hin, die die Band mit knackigem Sound beantwortet. So der Stimmungsgipfel am Mittwochabend in der Burghauser Wackerhalle. Die britische Sängerin Joss Stone zeigte ihre musikalischen Verlockungskünste.

Und das Publikum ging munter mit. Allerdings hatte es ein bisschen gedauert, bis der Funke richtig übersprang. Der Anfang: ein Knaller. Flackerlicht und harte Rock-Akkorde, dann weht sie herein, barfuß, das Haar blond mit einem Hauch von Pink und lang, das Kleid schwarz und kurz mit einem langen Schleier bis zum Boden. Nach wenigen Minuten ein vertrauliches Wort ans Publikum in coolem Britisch-Englisch: Sie sei vorhin gebeten worden, nicht zu laut zu sein – und werde das nun versuchen, fügte sie flüsternd hinzu (Lacher im Publikum). Hinter der Sängerin eine achtköpfige Band mit zwei Background-Stimmen, zwei Bläsern, Keyboard, Bass, Gitarre und Schlagzeug. Eine Besetzung, die es nicht nur krachen lassen kann, sondern ganz viele Nuancen zwischen Laut und Leise hat. Die waren anfangs bei einem in der Halle zu basslastig und wenig transparent gemischten Sound jedoch noch im Verborgenen, und auch die katzengleich geschmeidige und zugleich in den Höhen soulig-konturenscharfe Stimme der Sängerin war nicht optimal herauszuhören.

Weiterlesen

 

In Töne gegossene Neugier

Nachtkritik zum Konzert des Filippo Vignato Trios

Bis auf den letzten Platz ist sie gefüllt, die Wackerhalle. Die meisten, fast alle, sind gekommen um groovige Soulklänge zu hören. Denen fiebern sie entgegen, die lieben sie. Was davor die drei Mutigen dem Feiervolk zumuten, ist gewagt.

Blubbern, brazzeln, krächzen und sabbern, solche Laute kann der Italiener Filippo Vignato auf seiner Posaune erzeugen. Er hat am Dienstag den Burghauser Nachwuchs-Jazzpreis gewonnen und durfte mit seinem Trio die Jazzwoche in der Wackerhalle eröffnen. Seine Mitstreiter, der Franzose Yannick Lestra an Fender Rhodes und Synthie-Bass, und der Ungar Attila Gyarfas am Schlagzeug, sind genauso experimentierfreudig und klangerfinderisch wie der Posaunist. Vom Schlagzeug her rauscht, raschelt, wischelt, klingelt und klickt es. Das Fender Rhodes Piano schlingert, effektunterstützt, zwischen den Tönen, perlt, piepst und quietscht, und der Synthesizer-Bass sorgt für kribbeln in der Magengegend.

Weiterlesen

 

Kommt sie noch in den Jazzkeller?

Wird sie noch auftauchen auf der Jamsession nach ihrem Konzert?

Hier die Antwort: Joss Stone kurz vor ihrem Konzert in Burghausen

 

Das Interview führte Raimund Meisenberger (Passauer Neue Presse). Das ganze Gespräch mit Joss Stone gibt es auf dem PNP-Jazzblog:

http://live.pnp.de/Event/PNP-Jazzblog_2017