Die 48. Jazzwoche Burghausen

Mit diesem wunderbaren Video über die diesjährige Jazzwoche von Markus Valley verabschieden wir uns für dieses Jahr!

Es war eine Woche voll mit Musik, Erlebnissen, Eindrücken und tollen Begegnungen: Eine ganz besondere Jazzwoche!

Bis nächstes Jahr vom 6. bis zum 11. März 2018…

 

Soul, Tanz und der Mut zur Kante

Internationale Jazzwoche Burghausen 2017: Eine Bilanz

Ein neuer Besucherrekord (über 8500 insgesamt), ein Programm voller Kontraste an sechs Tagen – und populäre Knüller wie der Auftritt der britischen Soul-Sängerin Joss Stone: Da sah man dann bei der Schluss-Pressekonferenz am Sonntagmittag sehr zufriedene Gesichter. Der Organisations-Chef Herbert Rißel, der künstlerische Leiter Joe Viera und der Bürgermeister Hans Steindl waren sich einig, dass die Internationale Jazzwoche Burghausen 2017 ein voller Erfolg gewesen sei. „Eine der besten Jazzwochen, die ich je erlebt habe. Und ich habe 35 Jahre erlebt“, so der Bürgermeister, der aber gleichzeitig betonte, dass ein wichtiges Ziel erst noch erreicht werden müsse: möglichst viele junge Besucher zum Jazzfestival zu locken. „Daran müssen wir noch arbeiten.“

In zwei Jahren feiert das Festival 50-jähriges Bestehen, und das stachelt den Ehrgeiz der Organisatoren und der Stadt noch weiter an. Bei der 48. Internationalen Jazzwoche, die am Sonntag mit dem „Next Generation Day“ zu Ende ging, war eines aber schon deutlich festzustellen: Auf den Bühnen des Festivals ereignete sich besonders viel junge Musik. Und dazu passend brachten viele Bands die Besucher auch auf die Beine. Seltsam einheitliches Bild bei mehreren Konzerten – ob am Ende der Verlockungs- und Verführungs-Show von Joss Stone; ob in der Schlussphase des funkensprühenden Programms der ausgezeichneten jungen Saxophonistin Lakecia Benjamin und ihrer voller Funky-Energie steckenden Band; oder auch in der ungemein farbenreichen Heimat-Hommage des kubanischen Pianisten Roberto Fonseca: Stets folgte das Publikum der Aufforderung zum Tanz und feierte dann im Stehen und Sich-Rütteln und -Recken eine Musik, bei der Stillsitzen sowieso merkwürdig fehl am Platz gewesen wäre. Bewegende Jazz-Abende, im ganz wörtlichen Sinn.

Burghausen 2017 war ein glanzvolles Festival. Durch eine Mischung, die zwischen leichter Unterhaltsamkeit und unbequem-aktueller Musik ohne Scheuklappen zusammengestellt war, konnte man – manchmal direkt aufeinander folgend am selben Abend – völlig unterschiedliche Dinge erleben. Auf der einen Seite zum Beispiel die charmanten, bluesig-souligen Rollenspiele der Sängerin China Moses (Tochter von Dee Dee Bridgewater), auf der anderen so etwas wie das drangvoll gewichtige 80-Minuten-Werk „Meridian Suite“ des Schlagzeugers Antonio Sanchez, dessen fünfköpfige Band mit dichtester Substanz einen ungemein starken, fast symphonischen Bogen spannte. Mit dem Programm „Jazz – the Story“ als Haupt-Act am Samstagabend hatte man auch noch eine glänzend musizierte Jazz-Geschichtsstunde zu bieten, verabreicht von Weltklasse-Musikern wie den Saxophonisten Vincent Herring und James Carter sowie Trompeter Jon Faddis, mit einem Repertoire, in dem Ober-Jazzklassiker wie „Ain’t misbehavin’“, „Take Five“ oder auch „So What“ vorkamen. In Burghausen ist unter dem Etikett „Jazz“ traditionsgemäß höchst Unterschiedliches zu erleben, und diesmal führte das zu einem Facettenreichtum, über den die unterschiedlichsten Hörer glücklich sein konnten. Die gestylte Harmlosigkeit des exzellenten Trompeters und mäßigen Sängers Till Brönner bildete dabei ebenso die aktuellen Formen des Jazz ab wie die knallig-komplexe und britisch-verschrobene Trio-Musik des Pianisten Neil Cowley und seiner beiden Partner, die mit kreativ verbohrter Spiellust ganz neue Ecken und Kanten der Jazz-Besetzung Klavier, Bass, Schlagzeug (plus Elektronik) entdecken ließen.

Musik wie die Letztere – die man noch nicht kennt und die einen an neue Grenzen führt – ist es, die ein Festival auch zu einem Gedanken-Anreger macht. Spannend, dass gerade auch ganz junge Bands sich nicht vor Rauheit und vor der Herausforderung von Hörgewohnheiten scheuten. Die Siegerband des diesjährigen Nachwuchswettbewerbs, das Filippo Vignato Trio – das sind ein Italiener, ein Franzose und ein Ungar mit Posaune, Keyboards und Schlagzeug – spielte Musik, die aus einer hochkonzentrierten gemeinsamen Versenkung entstand: Töne, in denen es um geduldige Entwicklung von Stimmungen ging, um feines Aufeinander-Hören und -Reagieren, um Tiefenstrukturen – und nirgends um reine Wirkung. Und auch im „Next Generation Day“ gab es den Mut zur Kante, zum Nicht-Lieblichen: etwa im intensitätsgeladenen Auftritt des exzellent zusammenspielenden Trios „Just Another Foundry“, das mit Altsaxophon, Kontrabass und Schlagzeug neben melodiös-lyrischen Stücken auch herb-freitönerische mit kraftvoller Plastizität ins Publikum wuchtete.

Ein Festival, in dem Vieles zu entdecken war. Und in dem es unerwartete Momente gab, solche wie am Ende von Roberto Fonsecas Konzert. Fonseca spielte eine Solo-Zugabe auf dem Flügel, die er in eine lyrisch-zärtliche Mitsing-Melodie für das Publikum münden ließ: Sanft schwelgende Stimmen im Saal, mit dem Star des Abends, der schließlich ein Spielzeug-Klavier irgendwo hervorzog, sich vorne am Bühnenrand auf dem Boden setzte und den Publikums-Chor mit leisem Pling-Pling begleitete. Dann der Schluss-Akkord, Fonseca geht raus – und nach ganz kurzer Stille fängt das Publikum erneut zu singen an. Mit Erfolg: Fonseca kommt wieder, auf eine kurze gemeinsame Coda. Das sind die Konzertmomente, die man nie vergisst. Und es wäre ein schöner Erfolg, bei jungen Musikfans publik zu machen, dass es gerade im Jazz mit seiner Offenheit fürs Spontane solche Momente besonders häufig gibt. Mit ihrem 2017er Programm hat die Jazzwoche Burghausen schon geschickt für solche Momente geworben.

Die nächste Internationale Jazzwoche Burghausen findet vom 6. bis zum 11. März 2018 statt.

 

Historisches Dokument aufgetaucht

Prof. Joe Viera ist nicht nur von Anfang an bei der Jazzwoche dabei – er hat auch schon in den 50erjahren in München die Sache des Jazz mit vorangetrieben. In den Archiven haben wir ein historisches Dokument aus dem Jahr 1955 zutage gefördert, das den Beweis liefert.

Jazz-Adressbuch 1955/56 - Titelblatt

Das Jazz-Adressbuch wurde von einem umtriebigen Jazzfan aus Würzburg erstellt, der mit Hilfe von Jazzfeunden und Club-Betreibern adressen in ganz Europa sammelte. Darin enthalten sind alle jene Menschen v.a. im deutschsprachigen Raum, die 1955 Jazzschallplatten besaßen. Selbst jene, die nur ein Exemplar ihr Eigen nannten, sind berücksichtigt. Neben der Anzahl der Schallplatten sind Abkürzungen für die Stilrichtungen vermerkt (z.B. dx für Dixieland, bp für Bebop). So konnte man sich kontaktieren und Schallplatten austauschen oder verbalen Austausch pflegen. Auch eine Liste von „Magnetbandspielern“ ist enthalten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Jazz-Adressbuch 1955/56 – Einträge „V“ mit Joe Viera

Leute, die darüber hinaus auch ein Instrument spielten, haben einen entsprechenden Vermerk, z.B: (p) für Piano, (as) für Altsaxophon usw. Obschon bei Joe Viera in dieser Fassung kein Instrument vermerkt ist, wissen wir aus zuverlässiger Quelle, dass er eine Band betrieb, die „Hot Dogs“; später auch weitere.

 

Menschen im Hotel

Gästebucheintrag von Lionel Hampton

Gästebucheintrag von Lionel Hampton

Die Jazzwoche Burghausen bedeutet auch Hochsaison für die Hotels der Stadt. Im kulturell aktiven Ort mit herrlichem Altstadt- und Burgpanorama sind die Häuser zwar auch sonst gut gebucht; aber jedes Jahr im März steht das Leben der Stadt Kopf – und vor allem unter einem besonderen Stern.

„Es ist jedes Mal wie Weihnachten“, sagt Johanna Mitterer vom Hotel „Post“ in der Altstadt; „man weiß schon, worauf man sich freuen kann. Nur halt im März.“

Seit Beginn der jährlichen Festivals 1970 war das Hotel zur Post Unterkunft für viele weltberühmte Musiker, zum Beispiel Lionel Hampton, Dizzy Gillespie  oder Oscar Peterson. Johanna Mitterer hat uns einen Blick in die Gästebücher gewährt.

Gästebucheintrag von Dizzy Gillespie 1978

Gästebucheintrag von Dizzy Gillespie 1978

Baden Powell aß 1983 für drei: „Ein keiner, schmächtiger Mann – setzte sich an den Katzentisch, der sonst von uns gar nicht belegt wird, und bestellte einen Gang nach dem anderen. Wir standen hinter den Kulissen und fragten uns, wie er das schaffen konnte – es sind ja keine kleinen Portionen“, so Mitterer. Fünf Gänge hatte er schon verinnerlicht, als er nach dem Nachtisch verlangte. Besorgt verfolgte man das Geschehen, aber alles ging gut, ohne dass er platzte.

Gästebucheintrag Baden Powell 1983

Gästebucheintrag Baden Powell & Airto Moreira 1983

Für Art Blakey musste – jazzgemäß – improvisiert werden: Spätnachts traf er ein und wollte ein ganz bestimmtes Zimmer, in dem aber Musiker aus der Schweiz einquartiert waren, die gerade auf der Bühne standen. Die Zeichen standen auf Sturm, soviel ließ Blakey mit Nachdruck spüren. Mit Fingerspitzengefühl wurde in spätnächtlicher Hau-Ruck-Aktion alles neu geordnet – die anderen Musiker reisten passenderweise noch in der Nacht ab -, Gepäck gepackt und umgewuchtet. Es hat sich für alle gelohnt: Art Blakeys Laune wandelte sich schlagartig. Fröhlich pfeifend verließ er das Hotel Richtung Konzertsaal und lieferte einen denkwürdigen Auftritt.

Auch die anderen Hotels in Burghausen haben viel erlebt, nicht nur mit den Jazz-Stars, sondern auch mit Gästen aus aller Welt, Improvisationen aller Art und den Medienmitarbeitern, die seit vielen Jahren die Jazzwoche begleiten.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…

 

Jazzwoche 2017

BRN30055C93A125_001508

Am Dienstag geht es endlich wieder los!

Auch hier im Jazz-Blog zur Jazzwoche… Wir planen ganz tolle Beiträge, Interviews und Buntes um und über die 48. Internationale Jazzwoche Burghausen!!!

 

Ein Schraubenzieher für alle Fälle

Andreas Romeder ist bereits seit über 30 Jahren bei der Jazzwoche Burghausen dabei. Als Teil der Produktionsleitung sorgt er für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltungen. Im Interview berichtet er mir von den Vorbereitungen auf ein Konzert, und weshalb ein einfacher Schraubenzieher manchmal als Problemlöser ausreicht.

 

Franco Ambrosetti im Interview

Franco Ambrosetti 4

Heute Abend mit seiner Band in internationaler Starbesetzung bei der Jazzwoche Burghausen zu erleben: der große Schweizer Trompeter Franco Ambrosetti. Zur Vorbereitung: das Video des „Alpha forums“ – also eines knapp 45-minütigen Interviews auf ARD-alpha -, in dem Ambrosetti über sein Leben als Industrieller und Musiker erzählt.

Ab 22.05 Uhr gibt es dann hier Musik aus dem heutigen Konzert von Franco Ambrosetti

http://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-611174.html

 

Hoher Besuch: US-Generalkonsulin Jennifer Gavito zu Gast

Seit 6 Monaten ist US-Generalkonsulin Jennifer Gavito in München im Amt und so war für sie als Fan von Ron Carter der Besuch der Jazzwoche ein Pflichtbesuch. Ihrem Wunsch nach einem persönlichen Zusammentreffen mit dem Musiker kamen wir gerne nach und luden zu einem kleinen VIP-Empfang als Rahmen für die Begegnung. Die Geniesserin des bayerischen Biers (und Verfechterin des Reinheitsgebots) freute sich auch über unser Geschenk, einen Kermaik-Bierkrug mit unserem Logo. 🙂

 

 

„Der Dienstag ist der spannendste Tag“

Den Satz hört man oft an diesem Abend. Die Stars der Jazzwoche sind toll, keine Frage, aber die kennt man.

Entdeckungen kann man aber beim Nachwuchspreis machen. Etwa das österreichische „trio akk:zent“. Man meint, hier würden sich Igor Strawinsky und Ornette Coleman begegnen und zwar irgendwo auf einer Alm in der Steiermark. Die Musik der zwei Akkordeonisten und der Saxophonistin sammelt Bausteine aus Heavy Metal, Free Jazz, Musette, moderner Klassik und vermixt das Ganze zu einem mitreißenden Klangnetz. Von der Jury wurden die drei mit dem dritten Platz belohnt. Aber auch in konventionelleren Besetzungen überzeugen die Finalisten. Die Band des Mainzer Pianisten Jan Felix May in klassischer Besetzung Klavier, Gitarre, Saxophon, Bass, Schlagzeug spielt vertrackt, verschroben, verzerrt, manchmal vielleicht etwas verloren in der Laufrichtung wohin ein Solo führen soll, aber in den Themen und Brüchen perfekt auf einander abgestimmt. Das begeistert die Jury so, dass es der zweite Platz für die Band wurde. Dazu gab es sogar noch einen Solisten Preis für JF May, wie sich der Pianist nennt. Über diese Reihenfolge von zweitem und drittem Preis kann man diskutieren, muss man aber nicht. Worüber man nicht diskutieren muss, ist der erste Platz.


Das Sextett Kammerer OrKöster war klar die Band mit den stärksten Solisten, interessantesten Kompositionen, zwischen witzig und tiefgründig, und das Ensemble mit den präsentesten Individualsounds. Kontrabassistin Beate Wiesinger liefert das Fundament, das die Bläser zusammenhält. Schlagzeuger Jakob Kammerer könnte die Kompositionen auch alleine spielen, so stark gestaltet, begleitet und kommentiert er die Musik. Die zwei Posaunisten, Alois Eberl und Christian Zöchbauer, Altsaxophonist Benjamin Daxbacher und Trompeter Richard Köster klingen mal nach New Orleans, mal nach Blaskapelle und sind immer hellwache und inspirierte Teamplayer.

Dass Richard Köster, der Co-Bandleader neben Schlagzeuger Kammerer, aus Burghausen kommt, ist eine schöne Randnotiz, aber auch nicht mehr. Die Bands werden ja blind von der Jury ausgewählt, insofern hat er da schon musikalisch überzeugt. Den Heimvorteil im Burghauser Stadtsaal hat diese aufsehenerregende Band nicht nötig gehabt. Wenn die sechs so spielen, wie am Dienstagabend, gewinnen sie bei jedem Nachwuchswettbewerb.

Übrigens: Das Konzert der Kammerer OrKösters und das Konzert von Ron Carter, Richard Galliano und der WDR Big Band gibt es auf der BR-KLASSIK Website als Live-Videostream. Egal wo man ist, man kann heute Abend live in Burghausen sein, hier die Links dazu:

https://www.br-klassik.de/programm/livestream/ausstrahlung-653226.html

https://www.br-klassik.de/programm/livestream/ausstrahlung-653228.html