Die nächste Generation in Burghausen

Am letzten Tag der Jazzwoche wurde noch einmal in den Stadtsaal geladen. Dort präsentierten sich ab 16.00 Uhr drei Bands bei dem „Next Generation Day“. In Zusammenarbeit mit dem Magazin „Jazz thing“ und dem Plattenlabel „Double Moon Records“ wurden drei Bands ausgewählt, die an diesem Sonntag Nachmittag die  Stimme der nächsten Generation Jazzmusiker vertraten.

P1120068Den Anfang machte die Saxophonistin Birgitta Flick. Verstärkt wurde ihr Quartett an diesem Sonntag von der schwedischen Sängerin Lina Nyberg, von Nico Lohmann an Saxophon und Flöte und von Gebhard Ullmann an der Bassklarinette.

 

 

P1120052Die lyrischen Eigenkompositionen hatten einen ruhigen und fließenden Charakter. Das Programm war an diesem Abend stark von skandinavischen Liedern beeinflusst, die für diese Besetzung arrangiert wurden. Der Bläsersatz brachte in der Besetzung mit der Bassklarinette spannende Klangfarben hervor. Ein gelungener Einstieg in diesen langen Konzertnachmittag.

 

 

P1120092Weiter ging es mit der brasilianischen Sängerin Yara Linss. Sie spielte mit ihrer Formation mit Joao Luis Nogueira an der Gitarre, André de Cayres am Bass und Marcio Tubino an der Percussion. Dieser spielte bei einigen Stücken Querflöte oder Sopransaxophon. Es war ein leichtes, lebendiges Programm, das die Band bot. Viele Stücke stammten aus der Feder des Gitarristen Nogueira. Außerdem spielten sie einige bekannte Canciones. Yara Linss konnte mit ihrer variablen Stimme und Austrahlung überzeugen. Die Band füllte die brasilianische Musik mit viel Seele.

 

P1120219Den Schluss machte das Jazzpiano-Trio „Turn“. Das Trio um den Fürther Pianisten Jonathan Hofmeister hatte sich an diesem Sonntag mit dem Tenorsaxophonisten Stefan Karl Schmid verstärkt. Dieser erwies sich als wahre Entdeckung: er hatte einen warmen und luftigen Sound am Instrument, setzte gekonnt Spannungsbögen in seinen Impovisationen, und gab dem Ensemble insgesamt seine Stimme. Die Kompositionen von „Turn“ waren eher ruhiger und lyrischer Natur. Dennoch gelang es ihnen mit verschiedenen rhythmischen Mustern immer wieder Spannung aufzubauen und Dynamik zu erzeugen.

 

Verzerrtes Saxophon im Bühnennebel

Es war ein seltsames Bild, das sich hier im Stadtsaal bot: Nach dem Konzert von ‚Hildegard lernt fliegen’ war es Zeit für Guillaume Perret & The Electric Epic’. Als ich den Konzertsaal betrat, war der bereits von Nebelschwaden gefüllt. Zunächst dachte ich an einen durchgebrannten Gitarrenverstärker. Aber weit gefehlt. Das war alles Teil des Konzerts. Eines Rockkonzerts. Samt Lightshow und rot illuminiertem Saxophon, das im Nebel eine mystische Atmosphäre erzeugt. Definitiv nichts für feinsinnige Klangästheten mit kammermusikalischem Anspruch.

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Guillaume Perret zeigte sich bei seiner Begrüßung sichtlich beeindruckt von ‚Hildegard lernt fliegen’. Dennoch war seine Musik so anders als der akustische Sound der ersten Besetzung dieses Abends: elektrisch und laut. Er jagte sein Tenorsaxophon durch sämtlich verfügbare Gitarreneffekte, sodass am Ende beim Zuhörer nur noch kreischende Klänge ankamen. Sicherlich, die vier Musiker können spielen. Schlagzeuger Yoann Serra spielt in anderen Projekten sehr guten akustischen Jazz. Gitarrist Nenad Gajin überzeugt durch ein tolles Timing beim Begleiten und weiß auch in seinen Improvisationen harmonisch zu überzeugen. Natürlich hört man den Einfluss von Progressive Rockbands wie King Crimson und Yes. Dennoch: Es ist alles etwas zu dick aufgetragen. Zudem sind die Kompositionen Perrets zu eintönig und austauschbar. Die Zusammenstellung der beiden Bands an einem Abend wirkte leider etwas unglücklich. Denn es gibt sicherlich Fans eines so lauten Fusion-Rocksounds. Das Publikum war geteilt. Einige verließen den Saal, andere blieben und applaudierten freundlich. Ein Jazz-Abend der Kontraste.

 

Burghausen lernt Astrologie

Eine spannende Besetzung hat sich der Schweizer Sänger Andreas Schaerer mit ‚Hildegard lernt fliegen’ da zusammengestellt: Der Schlagzeuger Christoph Steiner wechselt für einige Stücke ans Marimbaphon, die Saxophonisten Matthias Tschopp und Matthias Wenger greifen auch zur Querflöte oder Bassklarinette. Andreas Tschopp spielt Posaune und Tuba. Einzig der Kontrabassist Christoph Steiner bleibt bei seinem Instrument. Und da ist ja noch Schaerer selbst: kein Sänger im klassischen Sinne, sondern ein Vokalkünstler, der mit seiner Stimme so ziemlich alles machen kann.

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Die Palette reicht von Unisono-Passagen mit den Bläsern über Scat-Improvisationen, Sprechgesang und Beatboxing. Alles in einer Performance, die auch die Bewegungen auf der Bühne mit einbezieht. Wenn er mit seiner Stimme die Tonhöhe verändert, spiegelt sich das meistens in seiner Gestik. Auch bei seinen Improvisationen spielt er auf einer imaginären Trompete.

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‚Hildegard lernt fliegen’ muss man als Gesamtkunstwerk verstehen. Ein tropfendes, tickendes, klackendes Mosaik, das auseinanderfällt und sich wieder zusammensetzt. So findet man in seinen Stücken, die er – bis auf eines – selbst geschrieben hat, oft zu Beginn wiederkehrende rhythmische Muster und Akkordfolgen, die in freie Improvisation übergehen, um dann wieder den Bogen zum Anfang zu schlagen. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Andreas Schaerer und Andreas Tschopp an der Posaune verblüfft. Zusammen singen sie einige schwindelerregende Passagen. All diesen Feinheiten hört man gerne zu, erlebt, wie die Musiker untereinander ständig in Interaktion stehen und dadurch Leichtigkeit und Spielfreude versprühen.

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Wären da nicht die etwas überbordenden Ansagen von Andreas Schaerer. Sie geraten teilweise so ausufernd, dass der Fokus auf die Musik manchmal verloren zu gehen droht. Wenn er in einem irrwitzigen Sprachtempo von Entdeckungen im Weltraum erzählt, die mit dem Hubble-Teleskop gemacht wurden, von Sternen und weit entfernten Galaxien. Um dann abzuschließen, er wolle damit sagen, dass alles ‚irgendwie zusammenhängt’.

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Sicher ist das virtuos und meist wirklich unterhaltend, aber auf Dauer auch etwas anstrengend. Was ist, wenn man mit dem Kosmos von Andreas Schaerer wenig anfangen kann? Den Bogen von der Anthropologie über die Philosophie bis zur Politik nicht schlagen möchte? Die Musik von ‚Hildegard lernt fliegen’ aber schätzt? Dann wird es schwierig. Denn Schaerer lässt den Zuhörern kaum Momente zu atmen und zu reflektieren. Schön wäre es, wenn man sich selbst Bilder zu der Musik malen könnte. Dann würde die Musik vielleicht noch mehr fliegen.

 

Ein Schraubenzieher für alle Fälle

Andreas Romeder ist bereits seit über 30 Jahren bei der Jazzwoche Burghausen dabei. Als Teil der Produktionsleitung sorgt er für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltungen. Im Interview berichtet er mir von den Vorbereitungen auf ein Konzert, und weshalb ein einfacher Schraubenzieher manchmal als Problemlöser ausreicht.

 

It’s time for soundcheck

Jeder Musiker kennt das: Nach einer oftmals anstrengenden Reise zum Veranstaltungsort steht der Soundcheck an. Da heißt es Instrumente und Verstärker schleppen und hoffen, dass die Technik nicht versagt. Ich war heute bei dem Soundcheck der Electric Deluxe Bigband feat. Beat Assailant dabei.

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Sind die Instrumente erst mal auf der Bühne, geht es ans Verkabeln…

 

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Aber wie war das nochmal? Wo kommt welcher Stecker hin? Belegungspläne werden ausgepackt, und dann wird munter gesteckt…

 

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Das mit dem Bass klappt schon. Also gleich die Raumakustik checken!

 

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Um die Keyboard-Burg zum Laufen zu bringen, sind ein paar Hände mehr nötig.

 

 

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Das Schlagzeug ist da schon unkomplizierter. Aber bitte nicht vergessen, die Toms zu stimmen!

 

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Sogar die Keyboards bekommen eine eigene Kamera samt Monitor…

 

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Neben der Bühne werkelt der sogenannte Monitor-Mischer. Er ist dafür verantwortlich, dass sich die Musiker auf der Bühne gut hören.

 

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Durch ein Fenster kann er die Musiker auf der Bühne beobachten und auf ihre Wünsche eingehen.

 

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Wenn alles läuft, kann endlich zusammen gespielt werden!

 

 

Der magische Gesang der Freiheit

 

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Anzug, Krawatte und Hut: So locker und leichtfüßig wie Sangoma Everett die Bühne betritt, ist auch die Musik seines Trios. Zum ersten Mal stehen die drei mit Enrico Rava und Olivier Ker Ourio am Donnerstagabend auf der Bühne in der Wackerhalle. Da darf auch schon mal das Handy von Everett am Anfang klingeln, als er die Musiker vorstellt. Er tut das mit einer Offenheit, die sich genauso im Konzertprogramm widerspiegelt.

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Eigenkompositionen aller Musiker und drei Standards fügen sich zu einem stimmigen Ganzen. Es ist diese Mischung aus europäischem Flair und amerikanischer Coolness, die der Musik an diesem Abend die nötige Würze gibt. Rava, der Magier, in diesem Konzert ausschließlich am Flügelhorn, spielt eine Melodie. Macht eine Pause, lässt die Musik atmen, spielt die nächste. Reagiert auf seine Mitmusiker. Wie in der sensiblen Duoversion von „My Funny Valentine“ mit Pianist Bastien Brison. Olivier Ker Ourio an der Mundharmonika überzeugt mit seinen Improvisationen und im Zusammenspiel mit Rava. Da vermischen sich zwei unterschiedliche Farben: feingliedrig die Harmonika, feinsinnig die Trompete. Die beiden führen eine leichte, aber nie oberflächliche Konversation. Mit „Jitterbug“ von Thomas ‚Fats’ Waller und „Art Deco“ von Don Cherry verneigen sich die fünf Musiker vor zwei ganz unterschiedlichen Musikern des Jazz: Der eine, Waller, einer der besten Swing-Musiker, der andere, Cherry, eine Freejazz-Ikone. Wenn der Bassist bei diesen Stücken zu walken beginnt, wird es improvisatorisch richtig spannend: hier spielt Rava seine stärksten Soli.

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Dank der Musikalität von Everetts Frau hören wir auch eine Komposition von ihm: Bei einer Wanderung fiel ihm eine Melodie ein, die er ihr vorsang und die sie sich merken sollte. Da ihr das offenbar spielend gelang, landete das Stück dann später auch auf Notenpapier. Und auf der Bühne in Burghausen: Everett spielt ‚WAOF’ – kurz für ‚where are our friends?’ – reduziert mit seinem Trio.

 

Am Ende kommen die Musiker noch einmal alle für ein Stück von Rava zusammen: „Le solite cose“, zu deutsch: die gewöhnlichen Sachen. Aber nichts an diesem Abend ist gewöhnlich: Dieses Konzert klingt – auch wenn zwischendrin nicht jede Bläser-Phrase astrein intoniert war – wie ein Appell an die Freiheit im Jazz.

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Sempft mit Stil

Das Kammer OrKöster: Nicht nur der Bandname ist ungewöhnlich: Sie kommen ganz ohne Harmonieinstrument aus. Die Akkorde legen sie lieber in die Stimmen ihres selten besetzten Bläsersatzes: Trompete, zwei Posaunen und Alt-Saxophon. Komplettiert von Kontrabass und Schlagzeug, entsteht ein Sound, der sie unverkennbar macht: mal feinsinnig lyrisch und dann wieder kraftvoll groovend. Sie spielen an diesem Abend durchweg Eigenkompositionen, die genau zwischen diesen zwei Polen wandern.

Gelungene Eröffnung der Jazzwoche Burghausen in der Wackerhalle. Das Kammerer Orköster – feinsinniger Bläsersound und kraftvoller Groove. Trompete: Richard Köster, Benjamin Daxbacher: Alt-Saxophon, Alois Eberl: Posaune, Christian Zöchbauer: Posaune, Beate Wiesinger: Bass, Jakob Kammerer: Schlagzeug.

Richard Köster fühlt sich in seiner Heimatstadt sichtlich wohl: Sein Spiel an der Trompete und am Flügelhorn ist ausdrucksstark und facettenreich. Seine Ansagen sind sympathisch und bodenständig. Er ist sichtlich geehrt, Teil dieser Jazzwoche zu sein und bekennt am Ende, er würde sich freuen, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein. Bezüge zu seiner Heimat spiegeln sich auch in einem Titel wider: Wenn das Kammerer OrKöster ‚Senf‘ auspackt (gesprochen: „Sempft“), wird es musikalisch scharf: dann rumort es mit einem Hauch von Ironie. Dabei kontrastieren die tiefen Töne der Posaunen mit den hohen von Saxophon und Trompete, um dann im nächsten Moment wieder zu einem gemeinsamen Bläsersound zu verschmelzen. Da haben die Musiker viel zusammen getüftelt und sich dann fein abgestimmt. Dabei haben sie ein feingliedriges musikalisches Gerüst geschaffen, aus dem sie immer wieder mit starken Improvisationen ausbrechen: Etwa wenn Posaunist Alois Eberl die Posaune ansetzt und mit seinen kraftvollen Linien die ganze Band mitreißt, oder wenn Bassistin Beate Wiesinger mit ihrem vollem Ton ein Intro spielt. Aber nichts davon wirkt wie Show, und gerade deswegen ziehen sie das Publikum in ihren Bann. Man hat das Gefühl, dass hier nicht nur sechs Musiker, sondern auch sechs Freunde auf der Bühne stehen, die sich gegenseitig zuhören und einander vertrauen. Nur so kann dieser Bandsound entstehen, von dem die Zuschauer an diesem Abend nicht genug bekommen können: Mit viel Applaus wird das Kammerer OrKöster verabschiedet und lädt mit dann mit einer fein-knalligen Zugabe ‚zum Tanzen‘ ein. Ein gelungenes Eröffnungskonzert der 47. Burghauser Jazzwoche!