Soul, Tanz und der Mut zur Kante

Internationale Jazzwoche Burghausen 2017: Eine Bilanz

Ein neuer Besucherrekord (über 8500 insgesamt), ein Programm voller Kontraste an sechs Tagen – und populäre Knüller wie der Auftritt der britischen Soul-Sängerin Joss Stone: Da sah man dann bei der Schluss-Pressekonferenz am Sonntagmittag sehr zufriedene Gesichter. Der Organisations-Chef Herbert Rißel, der künstlerische Leiter Joe Viera und der Bürgermeister Hans Steindl waren sich einig, dass die Internationale Jazzwoche Burghausen 2017 ein voller Erfolg gewesen sei. „Eine der besten Jazzwochen, die ich je erlebt habe. Und ich habe 35 Jahre erlebt“, so der Bürgermeister, der aber gleichzeitig betonte, dass ein wichtiges Ziel erst noch erreicht werden müsse: möglichst viele junge Besucher zum Jazzfestival zu locken. „Daran müssen wir noch arbeiten.“

In zwei Jahren feiert das Festival 50-jähriges Bestehen, und das stachelt den Ehrgeiz der Organisatoren und der Stadt noch weiter an. Bei der 48. Internationalen Jazzwoche, die am Sonntag mit dem „Next Generation Day“ zu Ende ging, war eines aber schon deutlich festzustellen: Auf den Bühnen des Festivals ereignete sich besonders viel junge Musik. Und dazu passend brachten viele Bands die Besucher auch auf die Beine. Seltsam einheitliches Bild bei mehreren Konzerten – ob am Ende der Verlockungs- und Verführungs-Show von Joss Stone; ob in der Schlussphase des funkensprühenden Programms der ausgezeichneten jungen Saxophonistin Lakecia Benjamin und ihrer voller Funky-Energie steckenden Band; oder auch in der ungemein farbenreichen Heimat-Hommage des kubanischen Pianisten Roberto Fonseca: Stets folgte das Publikum der Aufforderung zum Tanz und feierte dann im Stehen und Sich-Rütteln und -Recken eine Musik, bei der Stillsitzen sowieso merkwürdig fehl am Platz gewesen wäre. Bewegende Jazz-Abende, im ganz wörtlichen Sinn.

Burghausen 2017 war ein glanzvolles Festival. Durch eine Mischung, die zwischen leichter Unterhaltsamkeit und unbequem-aktueller Musik ohne Scheuklappen zusammengestellt war, konnte man – manchmal direkt aufeinander folgend am selben Abend – völlig unterschiedliche Dinge erleben. Auf der einen Seite zum Beispiel die charmanten, bluesig-souligen Rollenspiele der Sängerin China Moses (Tochter von Dee Dee Bridgewater), auf der anderen so etwas wie das drangvoll gewichtige 80-Minuten-Werk „Meridian Suite“ des Schlagzeugers Antonio Sanchez, dessen fünfköpfige Band mit dichtester Substanz einen ungemein starken, fast symphonischen Bogen spannte. Mit dem Programm „Jazz – the Story“ als Haupt-Act am Samstagabend hatte man auch noch eine glänzend musizierte Jazz-Geschichtsstunde zu bieten, verabreicht von Weltklasse-Musikern wie den Saxophonisten Vincent Herring und James Carter sowie Trompeter Jon Faddis, mit einem Repertoire, in dem Ober-Jazzklassiker wie „Ain’t misbehavin’“, „Take Five“ oder auch „So What“ vorkamen. In Burghausen ist unter dem Etikett „Jazz“ traditionsgemäß höchst Unterschiedliches zu erleben, und diesmal führte das zu einem Facettenreichtum, über den die unterschiedlichsten Hörer glücklich sein konnten. Die gestylte Harmlosigkeit des exzellenten Trompeters und mäßigen Sängers Till Brönner bildete dabei ebenso die aktuellen Formen des Jazz ab wie die knallig-komplexe und britisch-verschrobene Trio-Musik des Pianisten Neil Cowley und seiner beiden Partner, die mit kreativ verbohrter Spiellust ganz neue Ecken und Kanten der Jazz-Besetzung Klavier, Bass, Schlagzeug (plus Elektronik) entdecken ließen.

Musik wie die Letztere – die man noch nicht kennt und die einen an neue Grenzen führt – ist es, die ein Festival auch zu einem Gedanken-Anreger macht. Spannend, dass gerade auch ganz junge Bands sich nicht vor Rauheit und vor der Herausforderung von Hörgewohnheiten scheuten. Die Siegerband des diesjährigen Nachwuchswettbewerbs, das Filippo Vignato Trio – das sind ein Italiener, ein Franzose und ein Ungar mit Posaune, Keyboards und Schlagzeug – spielte Musik, die aus einer hochkonzentrierten gemeinsamen Versenkung entstand: Töne, in denen es um geduldige Entwicklung von Stimmungen ging, um feines Aufeinander-Hören und -Reagieren, um Tiefenstrukturen – und nirgends um reine Wirkung. Und auch im „Next Generation Day“ gab es den Mut zur Kante, zum Nicht-Lieblichen: etwa im intensitätsgeladenen Auftritt des exzellent zusammenspielenden Trios „Just Another Foundry“, das mit Altsaxophon, Kontrabass und Schlagzeug neben melodiös-lyrischen Stücken auch herb-freitönerische mit kraftvoller Plastizität ins Publikum wuchtete.

Ein Festival, in dem Vieles zu entdecken war. Und in dem es unerwartete Momente gab, solche wie am Ende von Roberto Fonsecas Konzert. Fonseca spielte eine Solo-Zugabe auf dem Flügel, die er in eine lyrisch-zärtliche Mitsing-Melodie für das Publikum münden ließ: Sanft schwelgende Stimmen im Saal, mit dem Star des Abends, der schließlich ein Spielzeug-Klavier irgendwo hervorzog, sich vorne am Bühnenrand auf dem Boden setzte und den Publikums-Chor mit leisem Pling-Pling begleitete. Dann der Schluss-Akkord, Fonseca geht raus – und nach ganz kurzer Stille fängt das Publikum erneut zu singen an. Mit Erfolg: Fonseca kommt wieder, auf eine kurze gemeinsame Coda. Das sind die Konzertmomente, die man nie vergisst. Und es wäre ein schöner Erfolg, bei jungen Musikfans publik zu machen, dass es gerade im Jazz mit seiner Offenheit fürs Spontane solche Momente besonders häufig gibt. Mit ihrem 2017er Programm hat die Jazzwoche Burghausen schon geschickt für solche Momente geworben.

Die nächste Internationale Jazzwoche Burghausen findet vom 6. bis zum 11. März 2018 statt.

 

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  1. Treffende Beschreibung! Aufgeplatzte Schwielen vom Applaudieren, verknorpelte Trommelfelle nach den Blues Brothers, Hornhaut am Sitzfleisch nach Till Brönner, Phantasien nach Joss Stone…, all das hat sich gelohnt. 9 Konzerte in 4 Tagen muss man mind. einmal im Leben erlebt haben. Burghausen, eine Ehre für Gäste und Musiker gleichermaßen.

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