Das Innige und das Bravouröse

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Es gibt Momente, die merkt man sich. Fünf Stücke, gleich am Anfang dieses Konzerts, gehören dazu. Eine Bühne voller Instrumente – aber nur zwei Musiker stehen da zunächst in der Mitte. Und nach einem kurzen Solostück des einen entspinnt sich ein Dialog voller Stimmung. Ron Carter, Kontrabass, und Richard Galliano, Akkordeon. Ein amerikanisch-französischer Ent-Spannungs-Gipfel mit sehr hohem Verständigungs-Potenzial – beim zweiten Konzert am ganz späten Mittwochabend in der Wackerhalle.

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Viel fürs Jazzer-Herz ist da drin. Wie Richard Galliano sich hinter seinem Akkordeon genüsslich in seufzenden Melodien aalt – und Ron Carter gelassen-unspektakulär Kontrapunkte dazu improvisiert: Das hat die Ruhe und Unaufgebrachtheit eines echten Zwiegesprächs; also: Ohren auf und alle Wege offen. Selbst wenn man sich natürlich vorher auf eine Tagesordnung geeinigt hat. Zwanzig Minuten, großer Zauber der Begegnung.

 

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Nach dieser Einleitung mit freier Rede zu zweit der Part mit sehr viel Partitur-Papier – und 18 Musikern zur Verstärkung. Die WDR-Big-Band unter ihrem Chefdirigenten und launigen Conférencier Richard DeRosa spielte mit jedem der beiden Star-Solisten einen Programm-Block. Gallianos eigene Arrangements von Stücken wie Astor Piazzollas „Michelangelo“ und Gallianos „Regain“, DeRosas Arrangements von Carter-Nummern wie „Eight“, „Receipt, please“ oder – lautmalerisch finster tönend – „Doom Mood“.


Ungemein flüssig bewegte Masse in beiden Programm-Teilen. Die WDR-Big-Band zeigte sich hier als ein Jazz-Luxus-Gefährt von funkelnder Beweglichkeit – mit Solisten wie Karolina Strassmayer (Altsax und Flöte), Ludwig Nuss (Posaune), Frank Chastenier (Klavier) und Bertram Burkert (Gitarre), die den Stücken spannende individuelle Farben abgewannen.

 

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Eine kleine Insel im Big-Band-Teil: als Ron Carter den Country-Klassiker „You are my sunshine“ als Solo-Rätselstück inszenierte, aus dem sich ganz allmählich die Melodie herausschälte, die dann mit gewitzten Tremolo-Schatten und Lichtblitzen aus einer Bach-Cello-Suite andere Horizonte erreichte. Und der Schlusspunkt dieses Konzerts: eine Rückblende zum Anfang mit einem lakonischen Blues von Galliano und Carter noch einmal im Duo: wenige Töne, wenig Ehrgeiz, viel Aussage. Innige Verständigung über Sprachgrenzen hinweg – und Carter und Galliano zeigten hier wie in den Duo-Stücken am Anfang wortlos etwas, das die Menschheit im Moment ganz dringend brauchen könnte: Gefühl füreinander.

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